https://www.faz.net/-gqz-2uit

Rezension: Sachbuch : Verworfen, aber nicht unterschlagen

  • Aktualisiert am

Gustav Gundlach: Wider den Rassismus: Entwurf einer nicht erschienenen Enzyklika (1938). Texte aus dem Nachlaß von Gustav Gundlach SJ, herausgegeben von Anton Rauscher. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2001. 208 Seiten, 39,90 Mark.Papst Pius XI. hat dem am 3. März 1939 gewählten Pius XII. unter ...

          Gustav Gundlach: Wider den Rassismus: Entwurf einer nicht erschienenen Enzyklika (1938). Texte aus dem Nachlaß von Gustav Gundlach SJ, herausgegeben von Anton Rauscher. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2001. 208 Seiten, 39,90 Mark.

          Papst Pius XI. hat dem am 3. März 1939 gewählten Pius XII. unter anderen unerledigten Dingen mehrere Entwürfe für eine Enzyklika gegen Nationalismus und Rassismus hinterlassen, die auch das Thema "Antisemitismus" explizit behandelten. Sie sind zwischen Juni und September 1938 ausgearbeitet worden. Davon wußten damals nur Insider. Der neue Papst hat das Lehrschreiben-Projekt seines Vorgängers nicht realisiert. Seine Gründe für diese Entscheidung hat er offenbar nicht aktenkundig gemacht, was vom Geschäftsgang her gesehen auch unnötig war. Die Textentwürfe gingen an die Ghostwriter zurück. Der englische und der französische Text kamen auf diese Weise in den heute in der Georgetown University bewahrten Nachlaß von John LaFarge SJ (1880 bis 1963), der deutsche zu Gustav Gundlach SJ (1892 bis 1963), den Pius XII. ständig als Fachmann für staatliche und gesellschaftliche Grundsatzfragen herangezogen hat. Die Gundlach-Version wanderte 1962 mit ihm in die Mönchengladbacher Katholische Sozialwissenschaftliche Zentralstelle, die heute Anton Rauscher SJ leitet.

          Dieser hat den Gundlach-Entwurf mit wichtigen ergänzenden Aktenstücken veröffentlicht - keine historisch-kritische Edition, jedoch ein zuverlässiger Text mit einer ausführlichen und ausgewogenen Einleitung über die Geschichte dieser Entwürfe, wobei wohl der Wert der Forschungsergebnisse von Johannes Schwarte stärker hätte herausgehoben werden können. Eine 1938 angefertigte lateinische Übersetzung des Enzyklika-Entwurfs ist verschollen. Der englische Text war bruchstückweise seit Ende 1972 in den Vereinigten Staaten bekanntgeworden; der französische, der inhaltlich mit dem englischen übereinstimmt, wurde 1995 in Paris publiziert, und zwar durch zwei um die Aussöhnung zwischen Juden und Christen bemühte Belgier: Georges Passelecq und Bernard Suchecky. Der eine ist ein Benediktinerpater, der andere ein jüdischer Forscher an der Freien Universität Brüssel. Schon 1997 erschien von Passelecq/Suchecky eine deutsche Übersetzung, die in den Medien Furore machte.

          Den Textentwürfen von 1938 ist seit den siebziger Jahren, in den leidenschaftlichen Debatten über den Pontifikat Pius' XII., eine wohl übertriebene historische Bedeutung zugemessen worden. Das geschah zuletzt in dem geschichtspolitisch aufschlußreichen und geschichtswissenschaftlich dürftigen 47-Fragen-Katalog des Vorberichts der 1999 gegründeten International Catholic-Jewish Commission, welche die Validität der amtlichen vatikanischen Aktenedition über den Zweiten Weltkrieg überprüfen wollte. Sie konstruierte in Frage 3 aus zwei Nebenbemerkungen des Editors Burkhart Schneider SJ (1917 bis 1976) über die Aktenlage zu diesem Punkt einen aufklärungsbedürftigen Widerspruch, der die erneute Durchsicht der vatikanischen Archivalien erfordere.

          Suchecky, der Mitglied dieser International Catholic-Jewish Commission war, hatte als Koautor 1995 den geschichtspolitisch deutlich fokussierten Buchtitel L'encyclique cachée. Une occasion manquée de l'Église face à l'antisémitisme mitzuverantworten; der Hanser Verlag hat dies 1997 zu dem reißerischen Titel Die unterschlagene Enzyklika zugespitzt, mit dem Untertitel Der Vatikan und die Judenverfolgung, wobei das zweite nicht dem Buchinhalt entspricht und das erste absurd ist: Enzykliken kann eine Diktatur in ihrer Verbreitung behindern oder unterdrücken, wie es 1937 mit der Enzyklika "Mit brennender Sorge" geschehen ist. Aber Enzykliken sind öffentliche Kundgebungen des Papstes, und Öffentlichkeit ist unterschlagungsunfähig.

          Weitere Themen

          Hoffnung im Angesicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

          Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und Non-Stop-Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte, erklärt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus.

          Topmeldungen

          Finanzminister Scholz will den Soli zurückschrauben. Aber nicht für Sparer.

          Trotz Reform : Viele Sparer müssen weiter Soli zahlen

          Für die meisten Bundesbürger soll der Solidaritätszuschlag ab 2021 entfallen, sagt Finanzminister Scholz. Was er verschweigt: Für den Großteil der Sparer und Anleger gilt das nicht – und das sind nicht nur Großverdiener.
          Der Zusammenschluss von Car 2 Go und Drive Now ist ganz offensichtlich ein Eingeständnis des Scheiterns.

          Auch Mazda steigt aus : Carsharing fährt gegen die Wand

          Es soll eine Lösung für urbane Mobilität sein: Doch Carsharing rechnet sich nicht. Und nicht nur das: Die Autos kämen oft auch verdreckt oder beschädigt zurück, klagen die Anbieter. Jetzt gibt auch Mazda auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.