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Rezension: Sachbuch : Unter fremder Fahne

  • Aktualisiert am

Afrikaner und Asiaten in europäischen Kriegen 1914 bis 1945

          Gerhard Höpp, Brigitte Reinwald (Herausgeber): Fremdeinsätze. Afrikaner und Asiaten in europäischen Kriegen, 1914-1945. Zentrum Moderner Orient, Studien, Band 13. Verlag Das Arabische Buch, Berlin 2000. 276 Seiten, 29,80 Mark.

          Die Rekrutierung fremder Hilfstruppen ist seit der Antike fester Bestandteil militärischer Strategie. So sind "Fremdeinsätze" nichts Neues. Dennoch bilden sie ein wenig erforschtes Feld. Für die Zeit der Weltkriege liegt jetzt ein Sammelband über die sozial- und kulturhistorischen Rahmenbedingungen afrikanischer und asiatischer Soldaten auf deutscher und alliierter Seite vor.

          Mußten im Ersten Weltkrieg in England das Rassedenken kolonialer Beamter und Militärs sowie Sicherheitsängste vor dem Einsatz der rund 100 000 Mann starken indischen Armee, die bis zum Herbst 1915 in Frankreich eingesetzt war, überwunden werden, zeigten die Franzosen nur wenig Hemmungen, Kolonialsoldaten aus Afrika für die Verwendung in Europa zu rekrutieren. Bis Herbst 1915 wurden allein 32 000 Soldaten in Westafrika ausgehoben und bei Großoffensiven eingesetzt.

          Auf der Seite der Entente wurden indische und afrikanische Soldaten mit dem doppelten Ziel verwendet, um einerseits in Europa ein militärisches Gegen- und Übergewicht zu den Mittelmächten zu schaffen, andererseits die weißen Truppenkontingente in den Kolonien nicht reduzieren zu müssen. Demgegenüber verfolgten die amtlichen Stellen in Deutschland, die diesen Einsatz von "Wilden" auf der Seite von Europäern gegen Europäer heftig anprangerten, die Strategie, auf einen allgemeinen Aufstand in den britischen und französischen Kolonien hinzuwirken.

          So arbeitete das Persische Komitee, das sich wie andere Nationalkomitees im Ersten Weltkrieg unter Mithilfe der Nachrichtenstelle für den Orient (NfdO) in Berlin konstituiert hatte, darauf hin, daß Iran an der Seite Deutschlands in den Krieg eintreten und sich so aus der Gewalt der Kolonialmächte befreien sollte. Gleichzeitig betrieb das Deutsche Reich eine speziell auf muslimische Kombattanten der Entente-Armeen zielende Flugblattpropaganda, die sie zur Fahnenflucht und nach ihrer "Umerziehung" in Sonderlagern zum Eintritt in das islamische Heer des verbündeten Osmanischen Reiches bewegen sollte. Das Osmanische Reich unterstützte dieses Vorgehen, um seinerseits Freiheit für die islamischen Völker einzufordern beziehungsweise die eigene Einflußnahme auf sie stärken zu können.

          Im Zweiten Weltkrieg wurde die Idee der deutschen "Ostlegionen" erneut aufgenommen. Ab 1941/42 erfolgte der Aufbau der 3500 Mann starken indischen Legion, einer aus indischen Kriegsgefangenen, Überläufern und Studenten zusammengesetzten Einheit, die scheinbar als Kern einer späteren indischen Nationalarmee dienen sollte. Da der geplante Einsatz der Legion in Indien nach der Schlacht von Stalingrad illusorisch geworden war, wurde sie am Atlantikwall eingesetzt und geriet 1945 in Gefangenschaft.

          Nach dem Überfall auf die Sowjetunion sollen insgesamt 150 000 bis 250 000 Angehörige südlicher Völkerschaften der ehemaligen Sowjetunion in den deutschen Verbänden eingesetzt worden sein, um die Fronttruppen zu entlasten und die eroberten Gebiete zu sichern. Am 20. Juli 1944 ordnete der Reichsführer-SS Himmler die Aufstellung einer Turk-Division in einem Osttürkischen Waffenverband (OTWV) an. Bei deren Mitgliedern sollte ein radikal antirussischer Nationalismus geweckt werden, um die Sowjetunion von innen zu zersplittern. Diese Panturkismus-Politik der SS scheiterte jedoch einerseits an den ständigen Streitigkeiten zwischen Usbeken, Kasachen und Kirgisen, andererseits an dem Mißtrauen der SS gegenüber den asiatischen Verbündeten. Im Dezember 1944 lief fast das gesamte turkestanische Regiment des OTWV zu slowakischen Partisanen über.

          So unterschiedlich wie die Menschen waren auch die Motive der Legionäre: Angst, Überlebenswillen, Hoffnung auf bessere Kleidung, Unterkunft und Verpflegung sowie ideologische Überzeugung führten zum Eintritt in fremde Armeen. Zu keiner Zeit verstanden jedoch die deutschen Stellen die Legionen als Kerntruppen zukünftiger nationaler Armeen, wie es sich die Emigranten wünschten, sondern ausschließlich als Verfügungsmasse des deutschen Militärs.

          Durch die Betrachtung sehr unterschiedlicher Legionäre auf deutscher und alliierter Seite während der Weltkriege verliert der Begriff des "Fremdeinsatzes" an Schärfe. Eine über die 15 Einzelbeiträge hinausgehende systematische Analyse kann dieser Sammelband jedoch nicht leisten. Dennoch schärft er den Blick für ein Desiderat der Forschung.

          RALPH ERBAR

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