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Rezension: Sachbuch : Unter falscher Flagge

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Ein gelehrtes Büchlein über die südslawische Frage

          Horst Haselsteiner: Bosnien und Hercegovina. Orientkrise und südslawische Frage. Buchreihe des Institutes für den Donauraum und Mitteleuropa, Band 3. Böhlau Verlag, Wien, Köln und Weimar 1996. 185 Seiten, 58,- Mark.

          Für das Verständnis des jüngsten Krieges in Bosnien und der Hercegovina ist die Kenntnis der Geschichte dieser Region wohl keine hinreichende, sicher aber eine notwendige Voraussetzung. Als Teil des Byzantinischen Reiches wurde das Land seit dem siebten Jahrhundert von südslawischen Stämmen besiedelt. In der Folgezeit war es zwischen Byzanz, Kroatien und Serbien umkämpft, ehe es zeitweise unter den Einfluß Ungarns geriet. Seine religiöse Sonderrolle im Spätmittelalter - die Sekte der Bogomilen schuf sich eine eigene bosnische Kirche - und die Konversion der Führungsschicht zum Islam nach der osmanischen Eroberung ließen hier eine einzigartige Schnittstelle zwischen West und Ost, zwischen Katholizismus, Orthodoxie und Islam entstehen. Schließlich wirkte die Phase der österreichisch-ungarischen Herrschaft prägend für die jüngste Geschichte der beiden zusammengehörigen Provinzen. Nach 1875 hatte sich ein Aufstand der Christen gegen die türkischen Herrscher zu einem größeren Krieg auf dem Balkan ausgeweitet, an dessen Ende Rußland die Türkei vernichtend schlug; der Berliner Kongreß, der die Folgen des Krieges durch den Ausgleich der europäischen Großmächte untereinander regeln sollte, überließ der Habsburgermonarchie 1878 die beiden Provinzen zur Okkupation; 1908/09 annektierte die Donaumonarchie die bis dato formell noch dem niedergehenden Osmanischen Reich angehörenden Landesteile. 1914 wurden sie mit dem Attentat von Sarajevo zur Schicksalsregion für den Vielvölkerstaat, der im sich daran entzündenden Weltkrieg seinen Untergang fand.

          Die österreichisch-ungarische Herrschaft, die vier Jahrzehnte dauerte, hatte den Aspirationen Belgrads einen Riegel vorgeschoben; nach dessen Vorstellungen hätten nämlich Bosnien und die Hercegovina an Serbien fallen und einen Baustein für die Errichtung eines großserbischen oder gar südslawischen Staates bilden sollen, wie er dann nach 1918 entstand. Infolgedessen radikalisierte sich insbesondere an der Frage der Zukunft dieser beiden Provinzen der serbische Nationalismus, und entsprechend erwuchs gerade hier am schärfsten der Gegensatz zwischen Belgrad und Wien beziehungsweise Budapest.

          Wer nun allerdings hofft, mit dem Buch von Haselsteiner, Professor für ostmitteleuropäische Geschichte in Wien, einen Überblick über diese Phase der Geschichte Bosniens und der Hercegovina zu erhalten, wird enttäuscht werden. Es handelt sich beim Inhalt des Bandes vielmehr um den Wiederabdruck von 14 Aufsätzen, die Haselsteiner in den vergangenen 25 Jahren an teilweise recht entlegenen Stellen veröffentlicht hat. Wer auch immer verantwortlich ist für den Haupttitel: Er hat wohl mehr an die Verkaufsziffern als an die zutreffende Information des potentiellen Käufers gedacht. Mindestens vier der 14 Beiträge behandeln nämlich überhaupt nicht die Geschichte Bosniens und der Hercegovina, sondern die Stellung der Serben und allgemein der Südslawen im Königreich Ungarn beziehungsweise zwei Föderationspläne, die im 19. Jahrhundert von serbischer beziehungsweise ungarischer Seite für die Neugestaltung Südosteuropas entworfen wurden. Die ersten vier Aufsätze geben nach einem allgemeinen Überblick über die Orientpolitik Wiens Einblick in die Argumente der österreichisch-ungarischen Entscheidungsträger vor und nach der Okkupation; die Entscheidung für die Inbesitznahme fiel aus defensiven wie offensiven Gründen, nämlich einerseits als Schutz vor der weiteren Expansion Serbiens und damit indirekt des panslawistischen Rußland sowie andererseits mit dem Ziel, die eigene imperiale Expansionslinie nach Saloniki offenzuhalten.

          Zwei weitere Aufsätze betrachten die von der "kulturmissionarischen" Rechtfertigung der Besetzung her interessante Frage nach der Schulpolitik Österreich-Ungarns in den neu erworbenen Landesteilen. Schließlich werden in drei Beiträgen der Kriegsausbruch 1914 und damit indirekt Bosnien und die Hercegovina thematisiert: in der Frage der spezifisch ungarischen Reaktion auf das Attentat von Sarajevo; am Beispiel der Internierung des serbischen Generalstabschefs, der sich im Juli 1914 zufällig in Österreich zur Kur aufhielt; und schließlich anhand der Akten des Hochverratsprozesses von Banja Luka 1916, der die Existenz eines serbischen Geheimdienstnetzes in ganz Bosnien in der Zeit vor dem Kriegsausbruch bejahte. Die genannten Themen deuten schon an, wie die Aufsätze einzuordnen sind: Es sind historische Miniaturen, die Haselsteiner zumeist aus dem Referat einer einzelnen Quelle oder eines recht kleinen Quellenbestandes österreichisch-ungarischer Provenienz entwickelt. Gelehrt sind sie allemal. WOLFGANG ELZ

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