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Rezension: Sachbuch : Umwege nach Rom

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Ernüchterndes über Deutschland und Italien

          2 Min.

          Jens Petersen: Italienbilder - Deutschlandbilder. Gesammelte Aufsätze. Herausgegeben von seinen Freunden. SH-Verlag, Köln 1999. 326 Seiten, 68,- Mark.

          Wie weit geht das politische und kulturelle Interesse Deutschlands und Italiens aneinander heute? In den letzten beiden Aufsätzen seines Sammelbandes gibt Jens Petersen darauf eine Antwort, die die viel beschworene Idylle der Beziehungen in Frage stellt. Er sieht ein "übermächtiges Gewicht des Gestern", das das Italienbild der Deutschen bis heute präge. Immer noch träumen deutsche Italienreisende von römischen Tugenden und beglückender Ewigkeit. Die Erinnerung an den Nationalsozialismus belastet die deutsch-italienischen Kulturbeziehungen. Vorurteile und mangelnde Sprachkenntnisse bei den Forschern beider Länder verhindern eine tiefere Kenntnis des jeweils anderen Landes. Noch gibt es kein gemeinsames europäisches Bewusstsein.

          Es ist ein ernüchterndes Szenario, das Petersen da entwirft - obwohl er die deutschen und italienischen Bemühungen umeinander gebührend lobt, sogar die der deutschen Reiseliteratur nach 1945.

          Petersen, der bis 1999 am Deutschen Historischen Institut in Rom forschte, hat in zahlreichen, auch populärwissenschaftlichen Arbeiten versucht, Deutschland und Italien einander zu erklären. Eine Aufsatzsammlung, herausgegeben von seinen Kollegen Christof Dipper und Wolfgang Schieder, soll nun Petersens Schaffen in den vergangenen zwanzig Jahren und seine Vermittlerrolle dokumentieren. Die ist bei italophilen Deutschen und germanophilen Italienern unbestritten - 1995 wurde Petersen mit dem "Premio Montecchio" für Verdienste um die deutsch-italienische Verständigung ausgezeichnet.

          Die Titel der gesammelten Aufsätze lassen groß angelegte Interpretationen vermuten: "Das deutsche politische Italienbild in der Zeit der nationalen Einigung", "Garibaldi und Deutschland 1870/71", "Der deutsche Widerstand im Urteil Italiens". Doch dahinter verbergen sich Detailanalysen, die nicht immer halten, was die Titel versprechen. Wie weit hat die deutsche Politik sich mit dem Wandel der italienischen Führung in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts befasst? Erst über lange Umwege erfährt der Leser vom Kulturkampf, den Bismarck verschärfte und der den Wandel der italienischen Politik beeinflusste, dass die deutsche liberale Presse und preußische Diplomaten die italienische Vatikanpolitik negativ beurteilten.

          Der Vorzug der meisten Aufsätze älteren Datums ist ihr Versuch, ein Mosaik aus verschiedenen zeitgeschichtlichen Quellen herzustellen, vor allem Zeitungen. Damit erscheinen historische Figuren und zeitgenössische Historiker unter neuen Aspekten - das gilt zum Beispiel für Ferdinand Gregorovius, Carl Schmitt, Rudolf Borchardt. Leider bewegt sich Petersen dabei oft zwischen Marginalien und Verallgemeinerungen hin und her. Petersens Bewunderung für die "Italiendeutschen" des 18. und 19. Jahrhunderts, deren "Goldglanz"-Prosa er schätzt, hat seine Arbeit immer geprägt. In manchem Aufsatz hat deren erzählerischer Impetus jedoch allzu stark abgefärbt. So lenken "abendliche Unmutsstunden am Kamin", die er den deutsch-italienischen Diplomaten nachsagt, und ähnliche Ausschmückungen von der historischen Analyse ab. Der Schwerpunkt der Sammlung liegt auf dem 19. Jahrhundert. Jene Themen, für die Petersen auch einem breiteren Publikum bekannt geworden ist, kommen in der Sammlung jedoch zu kurz: der italienische Faschismus und vor allem die italienische Gegenwart.

          "Bilder" Italiens und Deutschlands soll der Band zeigen, also gegenseitige Projektionen erforschen, die im Lauf der Jahrhunderte entstanden sind. Dabei ist die Reflexivität stets mitzudenken: Auch Petersens Analysen sind letztlich nichts mehr und nichts weniger als - Bilder.

          EVA-MARIA MAGEL

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