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Rezension: Sachbuch : Überheblich und eitel

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Wie deutsche Intellektuelle der sowjetischen Heilsideologie anheimfielen

          3 Min.

          Jörg J. Bachmann: Zwischen Paris und Moskau. Deutsche bürgerliche Linksintellektuelle und die stalinistische Sowjetunion 1933-1939. Mannheimer Historische Forschungen, herausgegeben vom Historischen Institut der Universität Mannheim, Band 7. Palatium Verlag im J & J Verlag, Mannheim 1995. 475 Seiten, brosch., 68,- Mark.

          "Noch ist überall Schutt und schmutziges Gerüst, aber schon erhebt sich rein und deutlich der Umriß des gewaltigen Baus. Es ist ein wahrer Turm von Babel, doch ein solcher, der nicht die Menschen dem Himmel, sondern den Himmel den Menschen näher bringen will." Pathetische Lobpreisungen der kommunistischen Diktatur wie hier von Lion Feuchtwanger, hymnische Verehrungen für Lenin oder Stalin und euphemistische Umschreibungen des Terrors der Bolschewiki waren keineswegs die Ausnahme, sondern die Regel, wenn linke Schriftsteller über die Sowjetunion schrieben. Kaum einer, der nicht dem Faszinosum einer verheißungsvollen Ideologie erlegen war. Einen "Staatsmann großen Stils", von einem Format, wie man es in Westeuropa lange nicht gekannt habe, nannte Helene Stöcker Lenin, und Heinrich Mann verniedlichte den auf Geheiß des roten Diktators von der Tscheka durchgeführten Terror als notwendige "Unerbittlichkeit". Louis Fischer, ein amerikanischer Fellow-Traveller, dessen Berichte aus der Sowjetunion in der "Weltbühne" maßgeblich das Bild der Linksintellektuellen prägten, stilisierte Stalin zum "größten politischen Kopf der Jetztzeit" und feierte eine seiner Reden als "Magna-Charta der Intelligenz". Ein anderer erhob den Bolschewismus in den Rang einer Religion, sprach von einem "Glauben, ohne den kein Wesen auf die Dauer zu bestehen vermag". Die Hungersnot Anfang der dreißiger Jahre, der Millionen Menschen zum Opfer fielen, wurde zynisch als "entbehrungsreiche Periode" bezeichnet. Den Vogel freilich schoß Feuchtwangers Eloge "Moskau 1937" ab. Darin bezeichnete er beispielsweise die Vernichtung der Kulaken als "Überwindung kleinbürgerlicher Widerstände", rechtfertigte die Unterdrückung von Presse- und Meinungsfreiheit und sah überall im Lande nur glückliche Menschen leben. Die Emigrantenszene, die es übrigens ansonsten nicht ins gelobte Land gen Osten zog, nahm Feuchtwangers Apologie überwiegend positiv auf. Die eigenen Wunschvorstellungen projizierten sie auf die Sowjetunion, und es entstand ein Bild, welches mit paradiesischen Zuständen viel, mit der Realität jedoch wenig gemein hatte. Sie glaubten an die Überlegenheit des Bolschewismus über das liberale System des Westens, weil sie glauben wollten. "Ein Bruch mit Moskau wäre dem Fall ins geistige Nichts, in das Loch der Glaubenslosigkeit gleichgekommen" (Bachmann).

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