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Rezension: Sachbuch : Über die Geschichtlichkeit heiliger Texte

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Nasr Hamid Abu Zaids Plädoyer für einen islamischen Pluralismus

          3 Min.

          Nasr Hamid Abu Zaid: Islam und Politik. Kritik des religiösen Diskurses. Aus dem Arabischen von Chérifa Magdi, Einleitung von Navid Kermani. Dipa-Verlag Frankfurt am Main 1996, 223 Seiten, br., 36,- Mark.

          Es war ein glücklicher Einfall des Verlages, daß er der deutschen Fassung des Buches den allgemein gehaltenen Titel "Islam und Politik" gegeben hat, denn der Originaltitel "Kritik des religiösen Diskurses" (naqd al-chitab ad-dini) wäre gar zu akademisch und wenig leserfreundlich gewesen. In deutscher Übersetzung liegt damit eines der wichtigsten Bücher vor, die in der arabischen Welt in letzter Zeit erschienen sind. Sein Autor ist der Kairoer Literaturwissenschaftler und Koranforscher Nasr Hamid Abu Zaid, der - nicht zuletzt wegen dieser Veröffentlichung - auf Betreiben religiöser Fanatiker von seiner Frau, der Französisch-Dozentin Ibtihal Yunis, zwangsweise geschieden worden ist. Auch sein Revisionsverfahren droht zu scheitern. Wer so etwas schreibe, so meinten seine Richter, sei tatsächlich ein Abtrünniger vom Glauben, kein Muslim mehr, und dürfe deshalb nicht länger mit einer muslimischen Frau verheiratet sein. Abu Zaid lebt heute im Exil in den Niederlanden.

          Von Glaubensabfall kann indes keine Rede sein, wenn man das Buch, von der in Deutschland lebenden Ägypterin Chérifa Magdi treffend übersetzt, nur aufmerksam liest. Das "Verbrechen" des Autors besteht einzig darin, zwischen der monopolisierten Wahrheit von islamischen Fundamentalisten, aber auch Traditionalisten, die Denken und Glauben vereinheitlichen, und einer linguistisch und historisch, kurz wissenschaftlich untermauerten Wahrheit zu unterscheiden. Für europäische Verhältnisse ist dies ein vollkommen harmloses Unterfangen, in der arabischen Welt ist es Dynamit. Der Kampf islamischer Dissidenten gegen das Sakralkollektiv, das die Autonomie des Individuums und seines Verstandes im Grunde bis heute leugnet und auf die unbefragbare Autorität heiliger Texte, die Gehorsam erheischen, sowie auf die für alles gültige "Souveränität Gottes" verweist, wird heute im großen ganzen mit denselben Mitteln geführt wie unter den Christen der Aufklärung, die auch bei einer historischen und sprachlichen Bibelkritik ansetzten. Abu Zaids Traktat fügt sich in eine Reihe solcher Versuche, deren bekannteste das "Unbehagen in der Moderne" des syrischen Philosophen Sadiq Dschalal al Azm und die "Kritik der islamischen Vernunft" des Algeriers Mohammed Arkoun darstellen. Auch diese Autoren bekamen, wie viele andere, Schwierigkeiten mit der Zensur oder mit anderen Monopolisten der Wahrheit. Das Buch Abu Zaids, obwohl populärer gehalten als seine bekannte linguistische Abhandlung über die "Bedeutung des Textes" (Mafhum an-nass), ist für Nichtmuslime nicht leicht zu lesen. Es setzt eine gewisse Vertrautheit mit der islamischen Orthodoxie, mit dem Islamismus, aber auch mit den Schulen der islamischen Linken voraus, die im Augenblick unter dem Druck des Islamismus kaum mehr in die Diskussion einzugreifen wagen. Auch sie hatten sich, mit anderen politischen Zielen, auf der Ebene des religiösen Diskurses bewegt und in gewisser Weise ebenso Mißbrauch mit der Religion betrieben wie die Orthodoxie mit ihrem behaupteten Wahrheitsmonopol. Dazwischen gibt es schillernde Figuren wie Hasan Hanafi, der von der Linken zu einem schwerer einzuordnenden Islamismus übergewechselt ist.

          Abu Zaid entschlüsselt für den Islam das Element der Geschichtlichkeit von heiligen Texten und ihrer Auslegung, gegen die Schriftgläubigkeit von politisierten, reaktionären Ideologen. An der Heiligkeit der Offenbarung, die sich hinter und in den Texten verbirgt, das heißt dessen, was sie meint und worauf sie zielt, ändert dies gar nichts, sondern nur am Prinzip des sola scriptura, das sich lähmend über das geistige wie politische Leben legt. Nasr Abu Zaid wirbt für eine Rückkehr zum Interpretationspluralismus, wie es ihn in der islamischen Geschichte schon einmal gegeben habe, bevor die Orthodoxie sich das Wahrheitsmonopol anmaßte und geistige wie politische Verhältnisse festzementierte. Daß Säkularismus Atheismus bedeute, eine Argumentation, die in der islamischen Welt bis heute weit verbreitet ist, wird von ihm zurückgewiesen. Niemals, solange es Menschen gebe, könne die auf Werte angewiesene Gesellschaft vom Glauben getrennt werden, wohl aber der Glaube von der Politik. So steht das Buch unter dem Generalnenner von geistiger Freiheit und Säkularisierung.

          WOLFGANG GÜNTER LERCH

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