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Rezension: Sachbuch : Trommler in den Straßen

  • Aktualisiert am

Wie die SA vor 1933 deutsche Städte eroberte

          3 Min.

          Detlef Schmiechen-Ackermann: Nationalsozialismus und Arbeitermilieus. Der nationalsozialistische Angriff auf die proletarischen Wohnquartiere und die Reaktionen in den sozialistischen Vereinen. Reihe Politik- und Gesellschaftsgeschichte, Band 47. Verlag J.H.W. Dietz, Bonn 1998. 820 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 128,- Mark.

          Unsere Öffentlichkeit betrachtet die NS-Herrschaft mit Faszination von ihrem Ende her, schildert allenthalben die Untaten der Verbrecher an der Spitze des Regimes und wirft sich abschließend nur zu gern in die hochmoralische Brust. Schmiechen-Ackermann hingegen zeigt in einer hervorragend recherchierten, überwältigend materialreichen Studie, wie die NS-Bewegung in ihrer Frühzeit in Arbeitermilieus und Arbeitervereine eindrang, sie Schritt für Schritt zersetzte und schließlich den Widerstand der Arbeiter brach. Das ging ohne Putsch von oben vor sich, nur mit Brutalität von unten.

          Die SA als Schlägertrupp der NSDAP verfolgte überall die gleiche Strategie: Propagandamärsche in die Arbeiterquartiere hinein, Kampf um die Herrschaft über die Straße, Festsetzung in Arbeiterlokalen und ihre Umfunktionierung zu SA-Sturmwirtschaften, Straßen- und Saalschlachten mit Messer und Pistole, dabei immer die Maske des Arbeiterfreundes vor dem Gesicht.

          Das Buch behandelt zwei Lebenskreise von Arbeitern: ihre Wohnquartiere in Städten und ihre Organisationen in Vereinen. Schmiechen-Ackermann arbeitet mit dem neuen, wissenschaftlich für flächendeckende Untersuchungen gut brauchbaren Konzept des "sozial-moralischen Milieus", für die Städte mit dem Begriff "Quartiersmilieu", für die Vereine mit dem Begriff "sozialistisches Vereinsmilieu". Ein Milieu umgreift nicht nur die Wohngegend oder den Verein, sondern auch die Gesinnungsgemeinschaft mit ihren kulturellen Traditionen und einander ähnlichen Lebensformen. Die Begriffe Arbeiterklasse und Arbeiterschicht werden als zu unscharf verworfen, da die deutsche Gesellschaft räumlich und sozial seit dem neunzehnten Jahrhundert außerordentlich fragmentiert gewesen sei.

          Intensive Studien legen die Verhältnisse in großen Städten dar: München, Berlin, Hannover, Stuttgart, Bremen, Hamburg, Leipzig, Düsseldorf, Essen, es gibt Ausblicke auf acht weitere Städte. Konfessionelle Unterschiede werden beachtet. Zum Beispiel war das katholische München zwar durch die Räterepublik traumatisiert und bescherte Hitler Anfangserfolge, versagte sich ihm bis 1933 aber immer mehr. Hingegen erlebte das protestantische "rote Berlin" unter dem Gauleiter Goebbels zwischen 1927 und 1933 einen rasanten Aufstieg der Nazibewegung. Der Widerstand der Arbeiter lebte in den Städten nach dem Machtantritt Hitlers noch einige Zeit fort, wenn auch kaschiert, aber Mitte der dreißiger Jahre brach er zusammen. Widerstand wurde die Sache von einzelnen oder kleinen Gruppen, und er war nicht mehr an die Arbeitermilieus gebunden. Im Krieg steigerte sich der Terror noch, und die Arbeitermilieus lösten sich auf.

          Der zweite, kürzere Teil des Buches ist den Arbeitervereinen gewidmet. Deutschland hatte eine ausgeprägte Vereinskultur, eine im bürgerlichen und eine im Arbeiter-Milieu. Dort gab es Vereine für Sportler, Angler, Touristen, Sänger, Naturfreunde, Kleingärtner, Jugendgruppen, die Freidenkerbewegung, die Arbeiterwohlfahrt, den Konsumverein. Das sozialistische Vereinsmilieu fiel Hitler erst nach 1933 zum Opfer. Die Vereine wurden verboten, die Mitglieder flüchteten sich zum Teil in bürgerliche Vereine, um wenigstens den inneren Zusammenhalt zu bewahren; andere Vereine durften unter neuem Namen und nationalsozialistischer Ägide weiterexistieren.

          Mit den Jahren wuchs jedoch die Annäherung des Arbeitermilieus an die neue Macht. Es gab Umfaller, politisch organisierte Arbeiter, Sozialdemokraten wie Kommunisten, die von heute auf morgen die Seite wechselten. Immer wieder kommt der Autor auf das blühende Denunziantenwesen zu sprechen. Es kann keine Rede davon sein, daß "die Arbeiterklasse" im ganzen dem Nationalsozialismus Widerstand entgegengesetzt hätte. Dennoch lautet das Fazit des Autors, daß in Deutschland keine der Arbeiterschaft vergleichbare soziale Gruppe den Nationalsozialisten so viel Widerstand geleistet habe.

          Das Buch ist aus einer Habilitationsschrift hervorgegangen, verarbeitet eine gewaltige Menge Literatur und schöpft aus zahlreichen Archiven. Interviews mit noch lebenden Zeitzeugen runden den Quellenreichtum ab. Zu fast allen Themen gibt es Fallbeispiele auf der Mikroebene bis hinunter zu einzelnen Stadtteilen, Straßen, Lokalen und Vereinen, auch zu Schicksalen von Personen. Bestechend ist die Objektivität der Darstellung, die ohne die zeitüblichen Wehs und Achs auskommt. Der politische Standort des Autors auf seiten der leidvoll zerschlagenen Arbeitermilieus ist dennoch stets erkennbar.

          Wenn angesichts dieser großartigen wissenschaftlichen Leistung ein Wort der Kritik erlaubt ist, so ist es dieses: Das Buch ist kein Lese-Buch, sondern ein Kompendium. 2538 Fußnoten, und nicht etwa nur Literaturangaben, sondern auch textreiche Erläuterungen, auf 718 reinen Textseiten, das ist einfach zuviel.

          RUTH RÖMER

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