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Rezension: Sachbuch : Töten für den Islam?

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Eine holzschnittartige Studie über junge Türken in Deutschland

          Wilhelm Heitmeyer, Joachim Müller, Helmut Schröder: Verlockender Fundamentalismus. Türkische Jugendliche in Deutschland. edition suhrkamp. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1997. 277 Seiten, 22,80 Mark.

          Das Bielefelder Forscherteam will der "selektiven Unaufmerksamkeit" einer linksliberalen Öffentlichkeit begegnen. Es geht um das vermeintlich tabuisierte Phänomen des islamischen Fundamentalismus unter türkischen Jugendlichen in Deutschland. Was da auf uns zukommen könnte, deuten die Autoren im Schlußwort an. Die rechtsextreme Gewalt gegen Asylbewerber und Migranten könne sich unter umgekehrten Vorzeichen wiederholen. Der Studie zufolge ist heute jeder vierte türkische Schüler bereit, für den Islam zu töten.

          Mehr als 1200 türkische Jugendliche im Alter von 15 bis 21 Jahren wurden befragt und einer Art Multiple-choice-Test mit 90 Fragen und mehreren hundert Antwortmöglichkeiten unterzogen. Qualitative Nachuntersuchungen gab es nicht. Die Chance, bei den Jugendlichen, die angaben, für den Islam töten zu wollen, einmal vertiefend nachzufragen, wurde nicht genutzt. Da die Düsseldorfer Landesregierung die Studie förderte, darf man gewiß sein, daß sie nicht ohne Einfluß auf den Schulunterricht und die Lerninhalte bleiben wird.

          Die Untersuchungshypothese ist schnell skizziert. Sie ähnelt derjenigen Heitmeyers zur Erklärung von Rechtsradikalismus unter deutschen Jugendlichen. Danach ist die soziale Umwelt geprägt von Auflösungserscheinungen, Entfremdung und Vereinzelung. Der prägende Einfluß der Familie geht zurück, altbewährte Antworten werden zurückgewiesen, neue stehen nicht sofort zur Verfügung. Zugleich stellen Schule und Arbeitsmarkt immer höhere Ansprüche an die Leistungsfähigkeit. Auf diese Erfahrungen reagieren viele Jugendliche verängstigt und verstört, manche suchen Zuflucht bei Rattenfängern.

          Die Forscher vermuten nun, daß bei türkischen Jugendlichen ähnliche Prozesse ablaufen wie bei deutschen Jugendlichen mit rechtsextremistischen Neigungen. Ihr Verlangen nach Einheit und Gewißheit befriedige die eigene ethnische Identität und die Übernahme islamistischer Denkweisen. Mitten in Deutschland entstehe so eine "muslimische Parallelgesellschaft".

          So erschreckend die Resultate auf den ersten Blick anmuten, so sehr wecken verschiedene methodische und inhaltliche Mängel Zweifel. Nicht nur wird die Diskussion einschlägiger wissenschaftlicher Literatur verweigert, die Schlußfolgerungen stehen teilweise auch in offenem Widerspruch zu den erhobenen Daten. Viel wird behauptet, wenig bewiesen. Um etwa die These zu stützen, die dritte Generation setze den Integrationsprozeß ihrer Eltern nicht fort, verweisen die Autoren mehrfach auf "ältere Migrationsstudien aus den dreißiger und sechziger Jahren in den Vereinigten Staaten". Hat es dort seitdem keine Arbeiten mehr gegeben? Doch, aber die Forschungen einer ganzen Generation von Soziologen - von Richard Alba über Herbert Gans zu Alejandro Portes und Rubén Rumbaut - werden außer acht gelassen: Sie haben die holzschnittartige Vorstellung einer Neu-Ethnisierung der dritten Einwanderergeneration längst korrigiert. Das Studium der Literatur ist die Sache der Autoren nicht. Sie beziehen sich ausschließlich auf die Daten, die sie selbst erhoben haben. Die Art und Weise, wie der Fragebogen konstruiert wurde und wie die Antworten interpretiert werden, ist mehr als kritikwürdig. Etwa, wenn nach Religiosität und Lebenszufriedenheit der türkischen Jugendlichen gefragt wird. Die Ergebnisse sind in der Tat bemerkenswert: Nur jeder fünfte Jugendliche geht jede Woche in die Moschee, 69 Prozent beten nie, selten oder nur an Freitagen. Während 25 Prozent angeben, sie seien gläubig und folgten den Lehren des Islams, antworten fast 70 Prozent, sie seien lediglich auf eine persönliche Weise religiös, nicht streng religiös oder an Religion gar nicht interessiert. Wie die Autoren nun mit diesen Antworten verfahren, ist befremdlich. Um nicht, wie es heißt, in der "Fülle der Einzelaspekte" den "Überblick zu verlieren", werden die Antworten zusammengefaßt. Das Ergebnis dieser Operation ist, daß "etwa zwei Drittel aller Befragten sich durch eine hohe oder sehr hohe Religiosität auszeichnen". Die Umfrageergebnisse besagen das Gegenteil.

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