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Rezension: Sachbuch : Teuerstes Spektakel

  • Aktualisiert am
          4 Min.

          Andreas Krause: Scapa Flow. Die Selbstversenkung der Wilhelminischen Flotte. Verlag Ullstein, Berlin 1999. 432 Seiten, 60 Abbildungen, 48,- Mark.

          Am Morgen des 21. Juni 1919 brechen die Kinder der Schule von Stromness, einem Städtchen auf den Orkney-Inseln im Norden Schottlands, zu einer Bootsfahrt durch die Bucht von Scapa Flow auf. Sie haben Glück mit dem Wetter. Auf einem Dampfer fahren sie zwischen den deutschen Schlachtschiffen und Torpedobooten herum, die in dem britischen Kriegshafen seit November 1918 interniert sind. Während die Kinder den Matrosen zuwinken, gibt Konteradmiral Ludwig von Reuter seinem Verband mit Signalflaggen den Befehl zur Selbstversenkung, um die im Versailler Friedensvertrag festgelegte Auslieferung an die Alliierten zu verhindern. Was folgt, ist das gewaltigste und teuerste Spektakel in der Marinegeschichte.

          Gegen Mittag beginnen die riesigen Kriegsschiffe vor den Augen der Kinder zu sinken. Es sind die besten, die die deutsche Marine besitzt, insgesamt 74. Manche sacken kielwärts auf den Meeresgrund, manche kentern, andere tauchen kopfüber ins Meer. Die kaiserliche Flotte geht keineswegs sangund klanglos unter: Ankerketten reißen laut klirrend, Stahlplatten bersten mit Schlägen wie Kanonendonner. Deutsche Matrosen stimmen patriotische Lieder an, und die überforderten englischen Bewacher beschießen oder retten die Besatzungen des Gegners, je nach Gutdünken. Vom "seltsamsten Schulausflug aller Zeiten" wird einer der jungen Augenzeugen Jahre später sprechen.

          Der Journalist Andreas Krause erzählt die fast vergessene Geschichte der Internierung in Scapa Flow und ihres spektakulären Endes in einem detailversessenen Buch. Anschauliche Schilderungen wechseln sich darin mit dilettantischen weltpolitischen Betrachtungen ab. Wohltuend ist, dass sich der Autor seinem Thema unvoreingenommen nähert, ohne antimilitaristische Präliminarien und frei von Marineromantik.

          Das Interesse an der Flotte hat in Deutschland bereits während des Ersten Weltkriegs stark nachgelassen, weil sie zumeist untätig im Kieler Hafen lag. Im Stellungskrieg zu Wasser konnte sie, sieht man vom zwischenzeitlich erfolgreichen U-Boot-Krieg ab, wenig gegen die Fernblockade der überlegenen Briten ausrichten. Die Schlacht am Skagerrak blieb eine aus dem Zufall geborene Ausnahme.

          Die eigene Passivität im Krieg war demütigend. Als die Niederlage des Heeres im Oktober 1918 offensichtlich war, wünschte das Offizierskorps der Marine, das sich selbst unbesiegt fühlte, eine eigene Entscheidungsschlacht mit der Royal Navy. Die Matrosen meuterten und machten Revolution - eine weitere Schmach für ihre Vorgesetzten. Der Waffenstillstandsvertrag vom 11. November legte im Artikel 23 fest, dass ein Großteil der deutschen Flotte zu internieren sei. Zu ihrem endgültigen Schicksal schwieg der Vertragstext. In Deutschland erwartete man, dass es sich lediglich um eine Art Beugehaft handelte. Nur deshalb fanden sich Offiziere und Mannschaften bereit, in die Internierung zu gehen. Unter den Alliierten war jedoch bereits abgemacht, dass sie die Schiffe nicht zurückgeben würden.

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