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Rezension: Sachbuch : Teeologie

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          TÜRKEI. Die Türkei steckt voller Widersprüche. Hin- und hergerissen zwischen Abend- und Morgenland träumt man am Goldenen Horn von der Renaissance eines großtürkischen Reiches, bevor sich dann wieder Resignation und Ratlosigkeit breitmachen. Ungelöst ist die wirtschaftliche Krise, ungewiß der Ausgang des Kulturkampfes zwischen Islamisten und Laizisten. Günter Seufert versucht, die Rückkehr des Islam auf die politische Bühne des Landes einzuordnen und ein Bild der türkischen Gesellschaft zu vermitteln, das leider ebenso undeutlich bleibt wie das Stimmengewirr im Stammcafé des Soziologen in Istanbul. Zwischen Basar, Universität und Moschee, nahe des Beyazid-Platzes gelegen, treffen sich hier Menschen aus allen Schichten. Aus ihren Gesprächen über Gott und die Welt erhielt der Autor Einsichten, die er ohne diese Unterhaltungen und viele Liter süßen Tees nicht gehabt hätte. Die Weltsicht der türkischen Gesellschaft wird in zwölf Erklärungsmodelle zerlegt. Sie bleiben größtenteils unverständlich. Zwar verspricht der Autor: "Wer Deutungsmuster einer Gesellschaft referiert, der serviert gleichzeitig Informationen über Verhältnisse in dieser Gesellschaft", aber das Servicebewußtsein der Soziologie scheint unterentwickelt. Immerhin erfährt man aus diesen Teegesprächen einiges über das Selbstverständnis der Türken, die ungeschriebenen Regeln des Zusammenlebens und das Verhältnis der großen kulturellen Lager. Im zweiten Teil des Buches erhält man sogar eine gute Zusammenfassung über Geschichte und Gestalt des politischen Islam. Allerdings gelingt es manchmal erst beim mehrmaligen Lesen, hinter den Sinn der Sätze zu kommen. Ob Kemalismus, Kommunismus, Islamismus - die innere Vielfalt der türkischen Wirklichkeit bleibt verwirrend. Man kann nur abwarten und Tee trinken. (Günter Seufert: Café Istanbul. Alltag, Religion und Politik in der modernen Türkei. Verlag C. H. Beck, München 1997. 200 Seiten, 19,80 Mark.) FLORIAN SCHMIDT

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