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Rezension: Sachbuch : Teddys neue Ostpolitik

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Gesandter Albrecht von Kessel: Kritiker Adenauers und Vordenker Brandts

          Harald Vocke: Albrecht von Kessel. Als Diplomat für Versöhnung mit Osteuropa. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2001. 373 Seiten, 69,- Mark.

          Am 18. Januar 1957 fand in Washington im Hause des jugoslawischen Gesandten Primozic ein Geheimtreffen statt. Gesandter Albrecht von Kessel, "zweiter Mann" an der Botschaft der Bundesrepublik, führte ein Gespräch mit dem polnischen Botschaftsrat Jaroszek: über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen, die Wiedervereinigung Deutschlands und die Oder-Neiße-Linie.

          Der aus einer schlesischen Gutsbesitzerfamilie stammende Diplomat - seit frühester Jugend immer nur Teddy Kessel genannt - glaubte in den fünfziger Jahren noch, die Grenze zwischen der DDR und Polen korrigieren und einen Teil der 1945 verlorenen Gebiete - beispielsweise Niederschlesien einschließlich Breslau und Kolberg - wiedergewinnen zu können. Einen "Kompromiß" soll er gegenüber seinem Gesprächspartner dadurch angedeutet haben, "daß er die Städte und Gebiete, deren Rückgabe wir erwarteten, mit ihren alten deutschen Bezeichnungen benannte. Diejenigen Orte, die wir nicht beanspruchten, hat er dagegen mit ihren polnischen Bezeichnungen erwähnt." Das jedenfalls belegen Dokumente und die unveröffentlichten Memoiren des Botschafters Heinz Krekeler, der in Washington Kessels Chef war.

          Harald Vocke hebt jetzt hervor, daß er "den einzigen handschriftlichen Bericht Kessels" über das Geheimgespräch eingesehen habe (Brentano-Nachlaß). Ein wichtiger Widerspruch in der Überlieferung ist ihm dabei nicht entgangen: "Keiner der Teilnehmer an dem ersten Sondierungsgespräch hatte dem Bericht Kessels zufolge die Frage der damaligen Grenze zwischen Polen und der Deutschen Demokratischen Republik - der Oder-Neiße-Linie - berührt. Von einer später von Kessel erwähnten Abrede zwischen ihm und dem polnischen Botschaftsrat Jaroszek, die polnische Regierung werde bei den Verhandlungen über den Austausch von Botschaften einen offiziellen deutschen (also westdeutschen) Grenzvorbehalt akzeptieren, ist in dem Bericht an Brentano noch nicht die Rede."

          Den Grenzvorbehalt erwähnte Kessel erst in einem Schreiben an das Auswärtige Amt vom 21. November 1960. Daraus schließt Vocke, daß Kessel und Jaroszek beim ersten Gedankenaustausch "die kritische Frage bewußt umgangen, sie also ausgeklammert" hätten, "wie es im diplomatischen Sprachgebrauch heißt". Die Quelle Krekeler und der Schlesier Kessel legen allerdings nahe, daß der deutsche Diplomat am 18. Januar 1957 die Grenzfrage - in welcher Form auch immer - vorbrachte. Über diesen Versuchsballon berichtete er dem wenig geschätzten Außenminister von Brentano in Bonn erst einmal nicht, um die Reaktion aus Warschau abzuwarten.

          Vocke bewundert den couragierten Karriere-Diplomaten, der schon von 1927 bis 1945, zuletzt an der Botschaft beim Heiligen Stuhl in Rom, dem Auswärtigen Dienst angehört hatte. Im Frühjahr 1950 reaktiviert, war er zunächst Stellvertreter des Generalkonsuls Wilhelm Hausenstein in Paris und dann (von November 1953 an) des Botschafters Krekeler in Washington. Hausenstein und Krekeler waren beide unbelastet von der Wilhelmstraßen-Tradition und vom Nationalsozialismus. Sie dienten als Aushängeschilder der um Anerkennung und internationale Gleichberechtigung ringenden jungen Bundesrepublik. Den hochbegabten und hochsensiblen Berufsdiplomaten Kessel schmerzte es natürlich, unter solchen "Seiteneinsteigern" über Jahre hinweg das diplomatische Tagesgeschäft zu pflegen. Warum mußte er weiterhin im zweiten Glied stehen, obwohl er im Bericht des Untersuchungsausschusses Nr. 47 des Bundestages ("betreffend Prüfung, ob durch die Personalpolitik Mißstände im Auswärtigen Dienst eingetreten" seien) im Juni 1952 ausdrücklich als "Mann echten Widerstandes" gegen den Nationalsozialismus gewürdigt worden war?

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