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Rezension: Sachbuch : "Suizidartige Angliederung Ostdeutschlands"

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Linke Kritik an der Wiedervereinigung

          4 Min.

          Wolfgang Dümcke, Fritz Vilmar (Herausgeber): Kolonialisierung der DDR. Kritische Analysen und Alternativen des Einigungsprozesses. agenda Verlag, Münster 1995. 359 Seiten, 28,- Mark.

          In der Eingangshalle des Fachbereichs Politische Wissenschaft der Freien Universität Berlin weist ein selbstgestaltetes Plakat auf das Erscheinen eines wissenschaftlichen Werkes zum deutschen Vereinigungsprozeß hin. Die Herausgeber werben mit einem Sonderpreis und dem Hinweis: "Mit einer Fülle belastenden Materials wird den Verantwortlichen der fehlgesteuerten ,Vereinigung' der Prozeß gemacht. Das Urteil ist vernichtend."

          Als Staatsanwälte und Richter in Personalunion wirken ein Hochschullehrer des genannten FU-Fachbereichs mit dem Lehrgebiet: Gewerkschaften und Parteien (Mitte-links-Spektrum), ein wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Politikwissenschaft der Humboldt-Universität sowie nicht näher vorgestellte kritische "StudentInnen". Im Band wird wenig originell eine konservative Vereinnahmung des deutschen Vereinigungsprozesses und die Kolonialisierung der Menschen durch die Inbesitznahme der öffentlichen Meinung behauptet. Dümcke und Vilmar beglücken die Leser abschließend mit einem Dialog über die "sozialistischen Errungenschaften" der DDR.

          Das Fallbeil der Kritik schlägt schon im Vorwort hart und erbarmungslos zu; die deutsche Vereinigung wird als "suizidartige Angliederung des sozialen Organismus Ostdeutschlands an die alte Bundesrepublik" bezeichnet, die demokratische Erneuerung der DDR sei erstickt worden. Die konservativen Machteliten der alten BRD haben nach Meinung des Mitte-links-Experten innovative Potentiale und Strukturen der DDR-Gesellschaft einfach ignoriert beziehungsweise zerstört und die Unterwerfung Ostdeutschlands betrieben. Als besonders verwerflicher Akt des Kolonialismus wird die Diskriminierung aller DDR-Staatsbediensteten erachtet, die Streichung von Privilegien in der Altersversorgung der herrschenden Klasse wird als "tendenziell strafrechtliche Diskriminierung von Teilen der DDR-Bevölkerung" bezeichnet.

          Die Ausgangslage nach 45 Jahren kommunistischer Diktatur wird von Wolfgang Dümcke skizziert, für ihn gab es in der DDR-Entwicklung immer wieder vielversprechende Reformansätze. Ausgeblendet bleiben die Gründe für den ruinösen Zustand der DDR-Wirtschaft, die soziale Nivellierung der Masse der Bevölkerung bei gleichzeitiger Privilegierung der herrschenden Klasse, die umfassenden Bemühungen zur Entindividualisierung der Bevölkerung, die Militarisierung der Gesellschaft und so weiter. Die unrühmliche Rolle der in der DDR hochgezüchteten oder verbliebenen Intelligenz bei der Errichtung und Stabilisierung der SED-Diktatur wird nicht erwähnt. Dafür konstatiert der Autor ein "Spannungsverhältnis zwischen Macht und Emanzipation", welches "produktiv in der Gesellschaft gewirkt" habe.

          Bis auf wenige Ausnahmen folgen die weiteren Beiträge dem von den Herausgebern vorgezeichneten Weg: den Vereinigungsprozeß als Kolonialisierung zu entlarven. Eine Autorin konstatiert ein durch "Bananen-Geschenke" korrumpiertes DDR-Volk und fragt sich, "warum Grenzsoldaten, NVA-Mitarbeiter oder Juristen heute für etwas belangt werden, was gestern noch Recht und Gesetz war". Der Runde Tisch in der Schlußphase der DDR wird idealisiert zu einer demokratischen Alternative zum Parlamentarismus.

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