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Rezension: Sachbuch : Sturm auf den Weinkeller

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Orlando Figes erzählt fesselnd die Tragödie des russischen Volkes

          Orlando Figes: Die Tragödie eines Volkes. Die Epoche der russischen Revolution 1891-1924. Aus dem Englischen von Barbara Conrad unter Mitarbeit von Brigitte Flickinger und Vera Stutz-Bischitzky. Berlin Verlag, Berlin 1998. 975 Seiten, 107 Abbildungen und 6 Karten, 128,- Mark.

          Fünfzig Jahre nach der Oktoberrevolution durfte sich aus dem Kanonenrohr des Panzerkreuzers "Aurora" noch einmal ein Schuß lösen. Das war 1967 in Leningrad. Dem Schuß folgte jedoch keine Revolution mehr wie am 25. Oktober 1917 und kein Sturm auf das Winterpalais in Petrograd und kein grausamer Bürgerkrieg. Nur der Beifall der Revolutionsveteranen folgte und vielleicht der der Leninpioniere, die schöngemacht für diesen Tag am Ufer der Newa standen. Die sozialistische Welt feierte das, was in ihrem Verständnis die Große Sozialistische Oktoberrevolution war und damit nichts Geringeres als der Anbruch einer neuen Zeit und einer neuen Welt.

          In der DDR schnitten die Kinder derweil kleine Figuren aus Papier, Rotgardisten mit wehenden Fahnen oder mit einem Gewehr über der Schulter. Dazu gab es eine Art historischen Stadtplan von Petrograd, auf dem der Sturm auf das Winterpalais nachgespielt werden konnte. Lenins Panzerauto fuhr als Spielzeug durch manches Kinderzimmer und ebenso Lenins erster Regierungswagen, dessen besonderer Reiz die abklappbare Frontscheibe war. Die etwas Älteren sangen im Singeklub der "Freien Deutschen Jugend": "Da haben die Proleten Schluß gesagt und die Bauern, es ist soweit, und haben den Kerenski davongejagt und die Vergangenheit." Das Lied endete voller Dankbarkeit für die neue fröhliche Welt, denn "der Muschik, der Bauer, der rote Soldat haben die euch hingestellt". "Euch" hieß "uns". Für die jungen Leute war die Welt in Ordnung. Rot.

          Wieder 25 Jahre später ist diese Welt Geschichte. Sie starb, wie jemand in diesem Alter sterben mag, widerstandslos, gleichsam erleichtert. Die Kinder von 1967 sind längst erwachsen, und eine rote Welt, seit sie kein Spielzeug mehr ist, erscheint ihnen als eine grausige Vorstellung. Ein Gleichaltriger, wenn auch in anderen Verhältnissen Aufgewachsener, der britische Historiker Orlando Figes, macht sich 75 Jahre nach der Oktoberrevolution daran, zu erzählen, wie es wirklich war mit dem Sturm auf das Winterpalais, den Sitz der bürgerlichen provisorischen Regierung, und dem Anbruch einer neuen Zeit und einer neuen Welt. Die Wucht seiner Erzählung löst die Erinnerung. Die Erinnerung an die schwarzweißen Fernsehbilder vom zweiten Schuß der rostigen "Aurora", an das leninistische Spielzeugauto und an die Papierschnipsel, die Rotgardisten darstellen sollten. Die richtigen Rotgardisten, erzählt Figes, trieb beim Sturm auf das Winterpalais mehr die Aussicht voran, einen der besten Weinkeller Rußlands plündern zu können, als Haß auf die Regierung des ohnehin längst geflohenen Kerenski. Und daß die Massen Lenin zugejubelt hatten, als er im April 1917 aus dem Exil zurückkehrte und in seinem Panzerauto durch Petrograd fuhr, dürfte weniger mit der Überzeugungskraft seiner "Aprilthesen" zu tun gehabt haben als mit der Aussicht auf Freibier. Daß der Panzerkreuzer "Aurora" per Kanonenschuß das Signal zum Staatsstreich in Rußland gab, war Zufall. Eigentlich sollte das eine Kanone auf der berüchtigten Peter-Paul-Festung tun, dem Gefängnis für die politischen Häftlinge in St. Petersburg. Aber die Geschütze dort erwiesen sich als gar zu historisch. Viele der Verteidiger am Winterpalais hatten zudem ihre Stellungen schon lange vor dem Sturm verlassen, weil sie der Hunger nach Hause oder in die Restaurants trieb. Schließlich hatten sich Lenins Leute mit ihrer Revolution verspätet - wegen militärischer Unfähigkeit, aber auch wegen politischer, denn am Morgen des 25. Oktober waren sich selbst die bolschewistischen Führer nicht sicher, ob sie sich am Abend zu einem Staatsstreich verstanden haben würden. "Die Große Sozialistische Oktoberrevolution, wie sie in der Sowjetmythologie genannt wurde, war in Wirklichkeit ein so unbedeutendes Ereignis, daß sie von der Mehrheit der Einwohner Petrograds gar nicht wahrgenommen wurde."

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