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Rezension: Sachbuch : Stunde der Spürhunde?

  • Aktualisiert am

Simone Christine Ehmig: Generationswechsel im deutschen Journalismus. Verlag Karl Alber, Freiburg, München 2000. 388 Seiten, 14 Abbildungen, 68,- Mark.Über andere schreiben Journalisten viel, manchmal zuviel, aber über sich selbst wenig oder nichts. Dabei wäre es wichtig, genug über diejenigen zu ...

          Simone Christine Ehmig: Generationswechsel im deutschen Journalismus. Verlag Karl Alber, Freiburg, München 2000. 388 Seiten, 14 Abbildungen, 68,- Mark.

          Über andere schreiben Journalisten viel, manchmal zuviel, aber über sich selbst wenig oder nichts. Dabei wäre es wichtig, genug über diejenigen zu erfahren, die eine so wichtige Rolle dabei spielen, daß das politische und gesellschaftliche Leben funktioniert. Die Meinungs- und Informationsfreiheit ist eines der vornehmsten Menschenrechte. Für die freiheitlich-demokratische Grundordnung ist sie schlechthin konstituierend, und den Massenmedien fällt die Aufgabe zu, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, daß die öffentliche Diskussion und der Prozeß der Willensbildung in Gang kommen können, urteilt das Bundesverfassungsgericht. Auch die Landespressegesetze sprechen der Presse eine "öffentliche Aufgabe" zu. Aber was denken die Journalisten selbst darüber? Welche Auffassungen haben sie von ihrem Beruf?

          Es ist kaum aufgefallen, daß sich das Verständnis der deutschen Journalisten von ihrer Arbeit im Laufe der letzten Jahrzehnte gewandelt hat. Noch hält sich der Eindruck, in Deutschland herrsche der Interpretationsjournalismus vor, während in den Vereinigten Staaten von Amerika der Recherchejournalismus dominiere. Träfe das noch immer zu, verstünden sich deutsche Journalisten nach wie vor vornehmlich als Belehrer und Meinungsmacher, während ihre amerikanischen Kollegen ihren Ehrgeiz daran setzten, Informationen zu beschaffen und zu verbreiten. Das entspräche der im 19. Jahrhundert begründeten deutschen Tradition, die Meinung höher zu bewerten als die Information, den meinungsführenden Publizisten höher als den nachrichtenschleppenden Journalisten. Diese Einschätzung klingt noch in Gesetzen nach, in denen von Meinungsfreiheit die Rede ist, aber nicht von Informationsfreiheit.

          Doch hat sich in der Motivation und im Berufsverständnis der deutschen Journalisten ein Wandel vollzogen. Das weist jetzt Simone Christine Ehmig überzeugend nach. Ihre Analyse fußt auf der Befragung von 491 Journalisten, die sich auf drei ähnlich große Altersgruppen verteilen. Die Journalistengeneration, die in den 27 Jahren zwischen 1909 und 1935 geboren ist, nennt sie "Großväter", die mittlere, in den 15 Jahren zwischen 1936 und 1950 geborene Generation bezeichnet sie als "Väter" und die in den 16 Jahren zwischen 1951 und 1966 Geborenen als "Enkel". In allen drei Generationen stand bei der Berufswahl das Bedürfnis nach Spannung und Abwechslung im Vordergrund, nur selten finanzielles Interesse.

          Dennoch unterscheiden sich die Großväter auffällig von den Enkeln, während die Väter eine Zwischengeneration bilden. Für die Älteren spielten bei der Entscheidung für ihren Beruf die Möglichkeit, "Werte und Ideale zu vermitteln" sowie "politische Entscheidungen zu beeinflussen", eine deutlich stärkere Rolle als für die Jüngeren. Ehmig stuft die Großväter daher als Missionare ein. Dagegen entsprechen die Enkel eher dem (amerikanischen?) Typ des Spürhunds, die mit Hilfe von Recherchen Mißstände aufzudecken suchen. Mithin billigen sie auch eher als die Älteren die Methode der (meist zu Unrecht diffamierten) verdeckten Recherche. Immerhin geht die Entwicklung zum Recherchejournalismus einher mit einer Entpolitisierung: Journalisten versehen sich nicht mehr so häufig wie früher mit dem Etikett "links".

          Das mag auch an dem krassesten Unterschied zwischen Großvätern und Enkeln liegen: Die Jüngeren zeichnen sich durch den Wunsch nach Freiheit vornehmlich zum Zweck der Selbstentfaltung aus. Ihnen geht es stärker um "die Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen", als um den Wunsch, andere zu beeinflussen. Allerdings wollen auch sie Wissen vermitteln. Charakteristisch für die Enkel ist also eine verblüffende Mischung aus Idealismus und Egoismus, aus mehr Subjektivität und einer stärkeren Neigung zur Objektivität und Neutralität.

          Mit diesem schon für sich allein bemerkenswerten Ergebnis hat sich Ehmig nicht zufriedengegeben. Darüber hinaus hat sie zu ermitteln versucht, welche historischen Ereignisse und persönlichen Erlebnisse die drei Journalistengenerationen geprägt haben. Bei den Großvätern war das vor allem die Erfahrung von Krieg, Not und Unfreiheit unter der Diktatur der Nationalsozialisten. Sie nährte den Wunsch, als Journalist (missionarisch) dazu beizutragen, daß dies nie wieder geschehe. Die Generation der Väter ist geprägt durch die Erfahrung von Elend nach dem Krieg, aber noch stärker durch die Arbeit in einer Fabrik oder auf einer Baustelle. Das Erlebnis vorübergehender Knochenarbeit im Gegensatz zur späteren Kopfarbeit teilt die mittlere mit der jüngeren Generation, die im übrigen durch die Teilnahme an friedlichen Demonstrationen und erstaunlich oft durch das Leben in einer Wohngemeinschaft geprägt ist. Allerdings hat die Erfahrung von Gewalt die angehenden Journalisten abgestoßen und vor linksradikalen Exzessen bewahrt. Das sollte allen Extremisten zu denken geben, die Demonstrationen für Gewalttaten mißbrauchen und dadurch Aufmerksamkeit auf sich zu lenken suchen.

          Ehmig präsentiert ihre Ergebnisse übersichtlich und erläutert die angewandten Methoden in einer auch dem Laien verständlichen, präzisen Sprache. Große Mühe verwendet sie auf den Nachweis, daß die unterschiedlichen Ereignis- und Erlebnistypen in fast allen Fällen Einfluß auf die aktuellen politischen Sichtweisen zumal der Großväter-, aber auch der Väter- und Enkelgeneration hatten. Die Motive, die bei der Berufswahl den Ausschlag gegeben hatten, erwiesen sich als erstaunlich stabil; sie behielten auch im späteren Berufsleben Vorrang.

          KURT REUMANN

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