https://www.faz.net/-gqz-6qi1v

Rezension: Sachbuch : Stets Schlimmeres verhütet

  • Aktualisiert am

Joachim Petzold legt in seiner Biographie, deren Vorbereitung er noch als Professor an der Akademie der Wissenschaften der DDR begonnen hat, die einzelnen Stationen von Papens politischem Leben dar; seine Konzentration gilt dabei vor allem den Jahren 1932-1934. Offenbar geschieht das, weil Petzold neben der Darstellung von Papens Lebensweg ein weiteres, vielleicht sein eigentliches Ziel verfolgt: Er will aufweisen, für wen Papen als "Treuhänder" agierte, als den er sich selbst wiederholt bezeichnet hat. Immerhin kann Petzold noch deutlicher als bisher ans Licht bringen, daß die Übernahme der "Germania"-Aktienmehrheit durch Papen in den zwanziger Jahren finanziell wesentlich aus Kreisen der Ruhrindustrie ermöglicht wurde. Aber offensichtlich dient ihm dies nur als Beleg dafür, daß Papen in Industriekreisen wohlgelitten war und bereits frühzeitig Kontakte geknüpft wurden, die später aktualisiert werden sollten; welche konkreten Auswirkungen diese Kontrolle der "Germania" durch Papen brachte, wird nämlich kaum thematisiert.

Ähnlich geht es mit der offensichtlichen und auch von der Seitenzahl her breit verfolgten Absicht Petzolds, nun doch nachzuweisen, daß die Großindustrie und insbesondere die Ruhrindustrie und deren Spitzenverbände via Papen entscheidend an der Herbeiführung der "Machtergreifung" beteiligt gewesen seien. Er kann mangels Belegen nicht den nach intensiven Debatten über die Ergebnisse des amerikanischen Historikers Turner recht fest etablierten Stand der Forschung in Frage stellen, daß die Großindustrie keinen entscheidenden finanziellen Beitrag zu den Wahlerfolgen der Nationalsozialisten geleistet hat. Er versucht deswegen auch keinen Frontalangriff gegen diese Position, sondern suggeriert nur gelegentlich, daß Turners Ergebnisse bezweifelbar seien. Um aber dennoch die Großindustrie haftbar machen zu können, verallgemeinert er häufig aus Einzelstimmen (die er verdienstvollerweise in diversen Industriearchiven aufgespürt hat) und vernachlässigt dabei gelegentlich die von ihm selbst eingestandene und in der Forschung sicher verankerte Erkenntnis, daß in der Endphase der Weimarer Republik kein einzelner Repräsentant für die Großindustrie schlechthin sprechen konnte.

Suggestionen

Petzold suggeriert beispielsweise - methodisch äußerst fragwürdig - mangels anderer Quellen anhand von Zeitungsberichten, daß "die rheinisch-westfälische Industriegruppe um den Stahlverein" hinter Papens entscheidendem Gespräch mit Hitler vom 4. Januar 1933 gesteckt habe. Und in seltsamer Verdrehung des Argumentum e silentio schließt er aus der Tatsache, daß über ein Treffen Papens mit Industriellen am 7. Januar 1933 nichts nach außen gedrungen ist, daß man sich dann wohl über das vorherige Papen-Gespräch mit Hitler ausgetauscht haben müsse. Allein das häufige Schwanken einzelner Vertreter der Großindustrie in den letzten Monaten Weimars, das Petzold eigentlich ganz gut wiedergibt, müßte ihn davon abhalten, letztlich doch immer wieder von einer gewissen Homogenität der betreffenden Personengruppe hinsichtlich der Machtübertragung an Hitler auszugehen beziehungsweise eine solche zu suggerieren.

Daß die Groß- und insbesondere die Schwerindustrie ähnlich wie Vertreter der anderen "alten Eliten", die bei Petzold nur stiefmütterlich behandelt werden, in der Endphase der Republik keine gute Rolle gespielt haben, daß sie durch die massive Unterstützung der republikfeindlichen Kräfte am rechten Rand des bürgerlichen Spektrums zur weiteren Aushöhlung des politischen Systems, zur Stärkung autoritärer Staatsvorstellungen und damit indirekt zur "Machtergreifung" beigetragen haben, der sie sich jedenfalls nicht widersetzten und die einzelnen und selbst einigen Gruppen von ihnen nicht unlieb gewesen ist: All das ist in der Forschungsdiskussion der letzten Jahre und Jahrzehnte herausgearbeitet worden, wobei manche Details und manche Gewichtung noch der Präzisierung bedürfen. Daß aber die "gespaltene Industriefront" (Neebe) schon wegen ihrer vielfachen inneren Spaltungen gar nicht in der Lage gewesen ist, eine einheitliche und stringente, auf die Machtübertragung an Hitler hin konzipierte Politik mittels eines vermeintlichen Agenten Papen zu verfolgen, wird auch durch Petzolds Buch nicht widerlegt. WOLFGANG ELZ

Weitere Themen

„Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

Trailer : „Herbstsonate“

„Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

Topmeldungen

Thilo Sarrazin im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse.

Kommentar zu Sarrazin : Ansichten eines Clowns

Wie soll man es verstehen, dass die SPD wieder versucht, ihr medienwirksamstes Mitglied auszuschließen? Gefahr geht weder von ernsthafter Beschäftigung mit Migration noch von umfassender Einwanderungspolitik aus – sondern von Ignoranz und Arroganz.

Erste Präsidiumssitzung : CDU-Führung bemüht sich weiter um Merz

Bei der ersten CDU-Präsidiumssitzung nach der Wahl von Annegret Kramp-Karrenbauers geht es auch um den Unterlegenen: Friedrich Merz solle „sichtbar“ bleiben in der Partei, wird sich gewünscht. Und die neue Parteichefin macht eine Ankündigung.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.