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Rezension: Sachbuch : Stets Schlimmeres verhütet

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Papen, fast ohne Rückhalt im Parlament, scheiterte aber mit seinen weitergehenden Staatsstreich-Plänen, weil Schleicher fürchtete, die Reichswehr könne in einen Bürgerkrieg verwickelt werden. Schleicher übernahm dann selbst die Regierung und sah sich daraufhin mit dem ausgebooteten Rivalen konfrontiert, der hinter den Kulissen und in Geheimgesprächen im Januar 1933 die Übernahme des Kanzleramts durch Hitler vorbereitete. Das Konzept der hinter Papen stehenden rechten Kreise sah die "Einrahmung" oder die "Zähmung" Hitlers und seiner Partei vor, also deren Abnutzung in der Regierungsverantwortung bei gleichzeitiger Kontrolle durch die rechtskonservative Mehrheit des Kabinetts, dem Papen als Vizekanzler angehörte. Sehr schnell zeigte sich jedoch, daß dieser Plan auf völlig falschen Annahmen beruhte. Die Schlagkraft Hitlers und seiner Bewegung, die bald Tatsachen schuf, war fatal unterschätzt worden, und die Konservativen sahen sich sehr bald an den Rand gedrängt. Zudem befürchtete man nun in den rechtskonservativen Kreisen die "zweite Revolution", nämlich die soziale, die Teile der NS-Bewegung zur Ablösung der bisherigen Eliten verlangten. Papen und seine Vizekanzlei entwickelten sich zu einem Kristallisationspunkt, an dem der Widerstand gegen diese "zweite Revolution" gebündelt wurde, wobei die Hoffnungen sich ausgerechnet auf Hitler stützten. Papens berühmte Marburger Rede vom 17. Juni 1934 setzte der Forderung nach Fortführung der NS-Revolution das Programm der in der Endphase der Weimarer Republik entwickelten "konservativen Revolution" von der Herrschaft der Eliten anstelle der parlamentarischen Demokratie mit ihrer angeblichen "Herrschaft der Minderwertigen" entgegen; er sparte bei dieser Gelegenheit auch nicht mit Kritik an Ausschreitungen der Nationalsozialisten, die jedoch nicht Hitler, sondern untergeordneten Parteiinstanzen zum Vorwurf gemacht wurden.

Moralisch korrupt

Der wenige Tage später vollzogene Schlag Hitlers gegen den angeblichen "Röhm-Putsch" beendete alle Spekulationen über und Forderungen nach einer "zweiten Revolution". Gleichzeitig markierte er jedoch praktisch auch den Endpunkt des konservativen Einflusses auf Hitler. Papen selbst wurde für einige Tage unter Arrest gesetzt, und zwei seiner Mitarbeiter, darunter Edgar Jung, der Verfasser der Marburger Rede, wurden von den Schergen Hitlers ermordet. Dennoch brach Papen nicht mit dem "Führer" und korrumpierte sich spätestens jetzt auch moralisch. Zwar trat er aus der Regierung aus, stellte sich aber weiterhin in den Dienst Hitlers als Sondergesandter in Österreich. Dort bereitete er auf "evolutionärem Weg", wie es seinem Programm entsprach, den "Anschluß" vor und wähnte sich in der Illusion, nur er habe einen gewaltsamen Übergriff auf Österreich verhindert, der doch in dieser Phase noch gar nicht in Hitlers Kalkül gelegen haben konnte. 1939 wechselte er auf den Botschafterposten in Ankara, wo seine Hauptaufgabe darin bestand, den Kriegseintritt der Türkei zu verhindern. Am Kriegsende wurde er von den Amerikanern verhaftet. Im Nürnberger Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher wurde er zwar freigesprochen, im anschließenden Spruchkammerverfahren jedoch zu achtjähriger Lagerarbeit, Konfiskation seines Vermögens und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt. 1949 wurde auch diese Strafe abgemildert, so daß Papen als freier Mann die letzten zwei Jahrzehnte seines Lebens als publizistisches Irrlicht gegen die Westeinbindung der Bundesrepublik agieren konnte. Mit der Veröffentlichung von zwei Memoirenbänden demonstrierte er seine geringe Selbsterkenntnis, wie sehr er Mitverantwortung trug für das nach 1933 Geschehene und wie sehr er im Gegensatz zu seiner Selbsteinschätzung, er habe immer nur Schlimmeres verhüten wollen, stets lediglich ein Instrument Hitlers gewesen ist, der ihn dort einsetzte, wo er statt brutaler Gewalt den charmanten, weltläufigen Causeur Papen als Camouflage für seine Pläne benutzen konnte.

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