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Rezension: Sachbuch : Steineklopfen und Langeweile

  • Aktualisiert am

Fotos eines deutschen Leutnants in sowjetischer Gefangenschaft

          Klaus Sasse: Bilder aus russischer Kriegsgefangenschaft. Erinnerungen und Fotos aus Jelabuga und anderen sowjetischen Lagern 1945-1949. Schriften des Kulturgeschichtlichen Museums Osnabrück, Heft 9. Waxmann Verlag, Münster 1999. 280 Seiten, Abbildungen, 38,- Mark.

          Das Thema Kriegsgefangenschaft begegnet seit einigen Jahren einer wachsenden Konjunktur. Auf Tagungen und in Sammelbänden beschäftigen sich Historiker mit der Kriegsgefangenschaft von der Antike bis zum Zweiten Weltkrieg als einem bislang eher vernachlässigten Aspekt der Militärgeschichte, Doktoranden suchen Klarheit in Detailstudien.

          Aus deutscher Sicht stehen die beiderseitigen Gefangenen des deutsch-sowjetischen Krieges im Zentrum des Interesses. Trotz der in den fünfziger Jahren initiierten Arbeiten der von Erich Maschke geleiteten "Wissenschaftlichen Kommission für deutsche Kriegsgefangenengeschichte", die bis 1974 zahlreiche Bände über das Schicksal der deutschen Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg veröffentlichte, harren selbst die zahlenmäßigen Dimensionen einer exakten Klärung. Vor allem die Zahl der in sowjetischem Gewahrsam verstorbenen Angehörigen der deutschen Wehrmacht bleibt ebenso umstritten wie die der Sowjetsoldaten, die massenweise in deutschen Gefangenenlagern umgekommen sind. Im Zuge der Öffnung russischer Archive sind insbesondere von laufenden deutsch-russischen Kooperationsprojekten genauere Erkenntnisse zu erwarten.

          Eine unverzichtbare Quelle für das Leben in den sowjetischen Kriegsgefangenenlagern bilden nach wie vor die Schilderungen der Betroffenen. Zeugen- und Erlebnisberichte von Heimkehrern sind seit den späten vierziger Jahren veröffentlicht worden. Nicht wenige Aufzeichnungen werden noch in Schubladen und Kartons der Entdeckung harren. Die Erinnerungen, die der ehemalige Leutnant Klaus Sasse erst 1997/98 aufgezeichnet hat, gewinnen ihren besonderen Wert durch die Tatsache, daß sie durch authentische Fotografien gleichsam illustriert sind. Sasse war es gelungen, die ersten beiden Jahre seiner Gefangenschaft hindurch eine Miniaturkamera bei sich verborgen zu halten und vier belichtete Filme mittels frühzeitig entlassener Kameraden nach Westdeutschland zu schmuggeln. Dadurch blieb - wohl einzigartig - eine geschlossene Serie von rund 180 Fotos aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft erhalten, von denen knapp die Hälfte im vorliegenden Band wiedergegeben sind.

          Die Bilder, die im verborgenen und unter der ständigen Drohung strengster Bestrafung entstanden, wirken wenig spektakulär. Gewiß sind einige Aufnahmen besonders riskant gewesen: die militärstrategisch bedeutende Eisenbahnbrücke über die Wolga bei Selenodolsk oder der Schnappschuß von der Generalinspektion des Lagers Jelabuga mit dem Lagerkommandanten und dem Innenminister der Tatarischen Republik im Zentrum. Doch die meisten Fotos illustrieren den Alltag kriegsgefangener Offiziere (den in anderen Lagern untergebrachten Mannschaften dürfte es schlechter ergangen sein), den Arbeitseinsatz, die Märsche durch Ortschaften und weites Land, gelegentliche Begegnungen mit der sowjetischen Bevölkerung.

          "Bilder aus russischer Kriegsgefangenschaft" bietet auch Sasses Text, eine Collage von Impressionen, die locker aufgereiht sind entlang der Chronologie einer Odyssee, die durch diverse Lager und Arbeitsstätten von der Gefangennahme in Königsberg am 9. April 1945 bis zur Heimkehr in die Bundesrepublik am ersten Tag des Jahres 1950 führte. Harte und ungewohnte körperliche Arbeit - Holztransporte, Steineklopfen, Industriearbeit mit offensichtlich geringer Effizienz - wechselte mit Phasen der Untätigkeit und Langeweile in der Routine des Lagerlebens bei ständiger Unterernährung. Sasse geht fair um mit den sowjetischen Bewachern, denen es geistig und materiell kaum besser erging als ihren Schutzbefohlenen. Lediglich einen Fall von willkürlicher Tötung eines Kriegsgefangenen erlebte er während der fünf Jahre. Zahlreiche Beobachtungen schildern nicht ohne Anteilnahme das triste Dasein der Sowjetmenschen in der Nachkriegszeit, ihren Mangel an allen Dingen.

          Mit Verachtung beschreibt Sasse das Treiben der deutschen "Antifaschisten" im Umkreis des "Nationalkomitees Freies Deutschland" und des "Bundes deutscher Offiziere". Sie sind für ihn noch im Rückblick Abtrünnige, die in ihrer "ideologischen Anpassungsfähigkeit" zu "aktiven marxistischen Parteigängern geworden waren". Sie hätten als Handlanger des NKWD gedient und bestellte Resolutionen durchgesetzt, in denen sich die deutschen Offiziere zu zeitlich unbefristeter "freiwilliger" Arbeitsleistung zum Zwecke der Wiedergutmachung verpflichteten. Dem konnte sich auch Sasse nicht entziehen. Aber er ist stolz darauf, stets seine Unterschrift verweigert zu haben, wenn die Kriegsgefangenen aufgefordert wurden, ihre "prosowjetische Einstellung" zu bekunden.

          RAINER BEHRING

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