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Rezension: Sachbuch : Stabilität durch ein neues Gleichgewicht

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Zbigniew Brzezinski stellt ein strategisches Konzept für globale Sicherheit vor

          4 Min.

          Zbigniew Brzezinski: Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft. Aus dem Amerikanischen von Angelika Beck. Beltz Quadriga Verlag, Weinheim und Berlin 1997. 320 Seiten, Abbildungen, 39,80 Mark.

          Zbigniew Brzezinski, einer der führenden politisch-strategischen Köpfe in Amerika, verbindet politische Erfahrung und Analyse so miteinander, daß seine Thesen weltweit Beachtung finden. Sein neuestes Buch trägt in der amerikanischen Ausgabe den treffenden Titel "The Grand Chessboard. American Primacy and Its Geostrategic Imperatives", womit der eurasische Kontinent als Projektionsfläche amerikanischer globaler Politik, aber auch Verantwortung gemeint ist. Die deutsche Ausgabe hingegen insinuiert mit dem Titel "Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft", daß es Brzezinski darauf ankommt, einen amerikanischen globalen Hegemonieanspruch abzusichern.

          Doch der Status der Vereinigten Staaten als einzige Weltmacht ist für Brzezinski kein Anspruch, sondern ein Faktum, das sich auf vier wesentliche Faktoren gründet: Kapazitäten für weltweite Militärpräsenz, wirtschaftliches Potential als Motor weltweiten Wachstums, technologischer Vorsprung in Schlüsseltechnologien sowie weltweite Affinität zu seiner Kultur, vor allem bei der Jugend. Das Zusammenspiel dieser vier Faktoren mache Amerika zur einzigen globalen Supermacht im umfassenden Sinne.

          In dieser Lage gelte es für Amerika, das Aufkommen einer anderen globalen Macht zu verhindern, die die amerikanische Vormachtstellung und die nationalen Interessen der Vereinigten Staaten in Frage stellen könne. Die Vorherrschaft zu bewahren, ist für Brzezinski allerdings kein Selbstzweck, sondern wesentliche Voraussetzung für die globale Stabilität. Amerika müsse sich dem Ziel verschreiben, ein dauerhaftes Rahmenwerk globaler geopolitischer Zusammenarbeit zu schaffen. Denn nach Auffassung Brzezinskis wird die globale Vormachtstellung der Vereinigten Staaten nicht von Dauer sein: Amerika werde nicht nur die erste und einzige echte Weltmacht, sondern wohl auch die letzte sein.

          Eurasien ist für Brzezinski der entscheidende Schauplatz. Dieser Raum, der sich von Lissabon bis Wladiwostok erstreckt und die ostasiatischen Inselstaaten einschließt, umfaßt zwei der drei höchst entwickelten und wirtschaftlich produktivsten Regionen der Welt; der größte Teil des gesamten materiellen Reichtums konzentriert sich hier mit 60 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts und etwa drei Viertel der weltweit bekannten Energievorkommen. Alle potentiellen Herausforderer Amerikas seien eurasische Staaten.

          Den Kern des Buches bildet eine umfassende Analyse der vier euroasiatischen Schlüsselregionen: der "demokratische Brückenkopf", Rußland, Zentralasien und Ostasien mit China. Mit seinem geostrategischen Entwurf will Brzezinski fünf zentrale Fragenkomplexe beantworten: Welches Europa sollte sich Amerika wünschen und mithin fördern? Welches Rußland ist in Amerikas Interesse, und was kann Amerika zur Herausbildung eines solchen Rußlands beitragen? Wie stehen die Aussichten, daß im Zentrum Eurasiens ein "neuer Balkan" entsteht, und was sollte Amerika tun, um die daraus entstehenden Risiken zu minimieren? Zu welcher Rolle in Fernost sollte China ermutigt werden, und welche Forderungen sind nicht für die Vereinigten Staaten, sondern auch für Japan daraus abzuleiten? Welche neuen eurasischen Koalitionen sind denkbar, die den Interessen der Vereinigten Staaten abträglich sein könnten, und was muß getan werden, um solche Koalitionsbildungen auszuschließen?

          Brzezinskis Thesen lauten: In Europa müsse Amerika die deutsch-französische Führungsrolle fördern und aktiv dazu beitragen, den bestehenden demokratischen Brückenkopf an der westlichen Peripherie Eurasiens zu einigen, zu festigen und zu erweitern. Die Mitte Eurasiens bleibe so lange unbestimmt und unsicher, wie Rußland seine eigene Rolle nicht eindeutig im Sinne einer demokratischen und westlichen Orientierung definiert habe. Zentralasien drohe zu einem "eurasischen Balkan" zu werden, ein Schauplatz ethnischer Konflikte und Großmachtrivalitäten, wenn es nicht gelinge, diesen Raum international zugänglich zu machen; internationale Investitionen und die Erschließung der Energiequellen und Bodenschätze müssen zu Wohlstand und einem verstärkten Sicherheits- und Stabilitätsbewußtsein in dieser Region führen. Im Osten Eurasiens schließlich werde China immer stärker in den Mittelpunkt des Geschehens rücken; Amerika werde nur dann auf dem asiatischen Festland politisch Fuß fassen, wenn es erfolgreich auf einen geostrategischen Konsens mit China hinarbeite - dies verbunden mit dem klaren Bekenntnis zu Japan als Amerikas wichtigstem Partner im pazifischen Raum, dem allerdings keine eigenständige Rolle als Regionalmacht im asiatisch-pazifischen Raum zukommen solle.

          Brzezinski will also die Bewahrung der Machtposition der Vereinigten Staaten bewahren, um sie auf lange Sicht in einer institutionalisierten, weltweiten Zusammenarbeit aufgehen zu lassen. In einem schrittweisen Prozeß solle Amerika strategische Partnerschaften mit den Schlüsselregionen Eurasiens fördern, vor allem mit der (vergrößerten) EU und mit China, das eine führende Rolle als Regionalmacht spielen solle - einschließlich der Perspektive, in die G7/8 aufgenommen zu werden. Langfristig könnten diese strategischen Partnerschaften den Kern echter gemeinsamer politischer Verantwortung, ein transeurasisches Sicherheitssystem bilden, das Amerika, Europa, China, Japan, Rußland, Indien und möglicherweise weitere Länder umfassen könne. Ein solches Transeurasisches Stabilitätssystem wäre dann auch das Vermächtnis der heutigen Globalmacht Amerika.

          Brzezinskis Geostrategie richtet sich an einem unterstellten Interesse aller Beteiligten an Sicherheit, Stabilität und wirtschaftlicher Entwicklung aus. Er weiß, daß er eine Vision vorstellt, deren Realisierung keineswegs gesichert ist, auch nicht seitens der Vereinigten Staaten selbst. Sein Buch ist nicht nur für Amerika von Bedeutung. Es richtet sich nicht zuletzt auch an Europa, den unverzichtbaren Partner der Vereinigten Staaten, dem Brzezinski das Potential eines euroasiatischen Hauptakteurs zubilligt - vorausgesetzt, daß der Einigungs- und Erweiterungsprozeß erfolgreich vorangebracht werden kann.

          An der Schwelle zum 21. Jahrhundert brauchen wir neues Denken - ein neues Denken in den Kategorien von Dialog und Austausch, regionaler und globaler Kooperation, Vernetzung von Wirtschaft und Politik. Brzezinski leistet dazu einen kühnen und wohl auch provokativen, zugleich ausgezeichneten und wertvollen Beitrag. Er ist es wert, in Wissenschaft, Medien und nicht zuletzt Regierungen studiert zu werden. Eine Politik, die aus Brzezinskis geostrategischem Ansatz folgt, setzt Einsicht und Bereitschaft aller Beteiligten voraus und muß daher aus einem breitangelegten Dialog erwachsen. Wir brauchen einen kontinuierlichen und systematischen Strategischen Dialog mit den Vereinigten Staaten, der alle Herausforderungen der internationalen Agenda umfaßt: die Ausgestaltung der Nordatlantischen Allianz, unsere gemeinsamen Bemühungen um Frieden und Stabilität in Nordafrika und im Mittelmeer, das Verhältnis der westlichen Staatengemeinschaft zu Rußland, die Stabilisierung der prekären Staatenordnung in Zentralasien; und insbesondere unsere langfristige Strategie gegenüber China. VOLKER RÜHE

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