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Rezension: Sachbuch : Soziokulturelle Läuterung

  • Aktualisiert am

Südtirol eignet sich nicht als Multikultobjekt

          3 Min.

          Manuela Zappe: Das ethnische Zusammenleben in Südtirol. Sprachsoziologische, sprachpolitische und soziokulturelle Einstellungen der deutschen, italienischen und ladinischen Sprachgruppe vor und nach den gegenwärtigen Umbrüchen in Europa. Europäische Hochschulschriften Reihe XXI Linguistik, Band 174. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 1996. 321 Seiten, 89,- Mark.

          "Multikulti" ist chic. Vereinzelt reden sogar Konservative der "multikulturellen Gesellschaft" das Wort. Rot-Grün hält sie ohnehin für erstrebenswert und "multi-ethnische Gemeinschaften" für den Gipfel künftigen Menschheitsglücks. Gelegentlich muß die Schweiz mit ihren vier tragenden Sprachgemeinschaften als Beispiel für gelungene Integration unter dem Dach des Nationalstaats herhalten; als ob Deutschschweizer, (französischsprachige) Jurassen, Italiener und Rätoromanen keine Schwierigkeiten miteinander hätten.

          Neuerdings bietet sich ein weiteres Objekt, die vermeintliche Symbiose dreier Volksgruppen hinsichtlich ihrer Möglichkeiten und Fähigkeiten zum Ethnomix zu studieren. Sofern es als Modellfall für das Zusammenleben taugt, mag sich Südtirol wenn schon nicht zur Übertragung, so doch dafür eignen, jenen Gebieten Europas als Spiegel vorgehalten zu werden, in denen es - angeblich seit den Umbrüchen 1989/90 - zur Renationalisierung der Politik und zu um sich greifendem Volksgruppenhader gekommen sein soll.

          Diesem Objekt widmet sich die hier anzuzeigende Studie. Der alles in allem gediegenen Abhandlung liegen zwei vorwiegend auf Interviews sich stützende Untersuchungen zugrunde. Obwohl der zeitliche Abstand zwischen beiden relativ gering gehalten worden ist, so daß sich größere Veränderungen nicht zeitigten, sprechen doch die Ergebnisse für sich. Obschon bei erstem Besehen die Wahl der (vorwiegend "interethnischen") Interviewpartner, die zugrundegelegte methodische und historiographische Literatur - man vermißt einige Standardwerke - sowie ausgewertete Printmedien (vorwiegend "linke" italienische und deutsche Erzeugnisse; österreichische sind ausgespart; die seriöse und seit Kriegsende kontinuierliche Berichterstattung großer Blätter fehlt gänzlich) eine gewisse Einseitigkeit erwarten lassen, ist die Autorin nicht zu Fehlschlüssen gelangt. Vor allem hat Umsicht bei der Interpretation ihres Materials sie nicht auf das Glatteis der sich selbst erfüllenden Voraussage geführt - obgleich sie deutlich ihre persönliche "multikulturelle" Disposition zu verstehen gibt.

          Während ihr erster Befund zu sprachsoziologischen, politischen und soziokulturellen Einstellungen der deutschen, der italienischen und der ladinischen Volksgruppe aus dem Jahre 1990 ein immer stärker werdendes Einanderannähern konstatierte, das als Perspektive die Symbiose erwarten ließ, kam die Autorin schon drei Jahre später (bei qualitativer und quantitativer Ausweitung ihrer Interviews) zu ernüchternderen Ergebnissen. So mußte sie feststellen, daß sich trotz annähernd reibungslosen Nebeneinanders der Sprachgruppen - ein Begriff, den die Sprachsoziologin offenbar gemäß erkenntnisleitendem Interesse durchweg verwendet, um den dreigeteilten Südtiroler "Volkskörper" als Entität erscheinen zu lassen, als Einheit im Sinne ihrer ursprünglichen Zukunftsprojektion - dem Miteinander vielfältige Widerstände entgegenstellen, die neben dem allgemein politischen im Alltag auch ein emotionelles Spannungsverhältnis zwischen den Volksgruppenangehörigen indizieren.

          Zu den folgenreichen Erkenntnissen dieser Arbeit gehört, daß lediglich in der deutschen Volksgruppe eine "breite Mehrsprachenkompetenz" vorhanden ist. Das deckt sich mit Erfahrungen, wonach Angehörige der italienischen zumeist den "Herr-im-Hause-Standpunkt" vertreten - "Siamo in Italia" -, alle anderen sich automatisch darauf einstellen, soll überhaupt ein Gespräch zustande kommen, und daher (trotz beschworener "multiethnischer Gesellschaft") nichts anderes als der "Italianità" Vorschub leisten. Dafür spricht unter anderem auch der Autorin Folgebefund: "An Stelle einer Abschwächung der ethnischen Komponente auf der politischen Ebene ist das grundlegende System, die Interessen nach Sprachgruppen getrennt zu vertreten, durch die Etablierung der ladinischen Partei ,Ladins' sogar zusätzlich gefestigt worden." Die Autorin kommt schließlich zu dem Schluß, daß der Ethnozentrismus unter den Volksgruppen Südtirols eher zu- denn abgenommen hat und sogar in der Grün-Alternativen Partei, welche den Gründungsanspruch erhob, eine "interethnische Bewegung" zu verwirklichen, "paradoxerweise ethnopolitische Ressentiments eine Rolle spielen". Angesichts all dessen nützt es nichts, wenn etwa die Ski-Weltmeisterin Isolde Kostner aus dem Grödnertal, obschon ladinischer Volksgruppe, in der Sportberichterstattung fast ausnahmslos als Italienerin tituliert wird, was zwar staatsbürgerschaftlich korrekt ist, aber viele Südtiroler in Rage versetzt und die Tendenz verstärkt, sich von Italien und den Italienern Südtirols abzugrenzen. Etwa so wie die Südtiroler Sportlerin Gerda Weißensteiner, die freimütig bekennt, Italienisch sei für sie eine Fremdsprache, was nicht nur Italiener in Südtirol zur Weißglut bringt. REINHARD OLT

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