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Rezension: Sachbuch : Sozialistische Arisierung

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Die Jüdischen Gemeinden in der SBZ und der DDR

          4 Min.

          Ulrike Offenberg: "Seid vorsichtig gegen die Machthaber". Die Jüdischen Gemeinden in der SBZ und der DDR 1945 bis 1990. Aufbau-Verlag, Berlin 1998. 334 Seiten, 46,- Mark.

          Zu den Erfolgen der DDR gehörte, daß man ihren Lügen geglaubt hat. Vierzig Jahre lang fälschten die Genossen Daten und Fakten, dichteten und heuchelten, blufften und beschönigten, bis selbst im Westen die Mehrheit der Bevölkerung die Mär vom reichsten Staat des Ostblocks für bare Münze nahm. Kaum eine dieser oder anderer Behauptungen hielt der Wirklichkeit stand. Nach und nach zerschmolz das Bild vom lebendigen, bloß geschwächten sozialistischen System. Übrig blieb die ausgezehrte, morsche Gestalt ostdeutscher Realität. Nur die Legende vom Antifaschismus hielt sich hartnäckig in den Köpfen, haust dort noch heute und trübt den Blick auf die Vergangenheit. Was immer man über die DDR sagen mag, Antisemitismus hat es nicht gegeben, hört man allenthalben, weil Faschismus und Rassenhaß beseitigt wurden.

          Mythen sind wie Borkenkäfer. Man kann sie bekämpfen, ausrotten lassen sie sich nicht. Seit Michael Wolffsohns Studie über den wahren Umgang der DDR mit den "sozialistischen Staatsbürgern jüdischen Glaubens" liegen sämtliche Tatsachen offen, ohne daß sie zur Kenntnis genommen würden. In ihrem Buch über die Geschichte der Juden in der DDR versucht Ulrike Offenberg, der Bewußtseinstrübung mit Belegen beizukommen - nicht so faktenreich wie der Münchener Historiker zwar, doch ausreichend, um das SED-Regime abermals zu entlarven. Wie Wolffsohn hält die Politologin den Antifaschismus für eine Phrase, die die Machthaber droschen, um sich gegenüber der Bundesrepublik hervorzuheben und die Notwendigkeit eigenstaatlicher Existenz zu betonen.

          Die Juden spielten dabei eine untergeordnete Rolle. Sie hatten sich den Machtinteressen der SED zu fügen, stets willfährig zu sein und aktiv mitzuwirken, wenn es hieß, den Klassenfeind zu attackieren. Gegen antisemitische Angriffe waren sie nicht gefeit. Im Gegenteil, zwar benötigte der "Arbeiter-und-Bauern-Staat" die Juden als lebendigen Beweis für die Toleranz des Sozialismus. Das jedoch verschonte sie nicht vor harten Schlägen. Kundig schildert die Verfasserin, mit welcher Entschlossenheit Ulbricht den Slánsky-Prozeß, jenes schauerliche Verfahren der tschechischen Kommunisten gegen ihren einstigen Generalsekretär, nutzte. Er schaltete seinerseits Paul Merker und andere Genossen aus, die wie Slánsky jüdischer Herkunft und dem SED-Chef ein Dorn im Auge waren. Acht Jahre nach Auschwitz traten Ulbricht und seine Schergen eine Kampagne gegen die "Todfeinde des friedliebenden deutschen Volkes" los, gegen all die "zionistischen Agenten", die, angeblich "unter jüdisch-nationalistischer Flagge segelnd, Spionage- und Diversantentätigkeit" betrieben.

          Verhaftungen und Verhöre führten zur Massenflucht. Von den gut tausend Juden, die 1949 in der DDR gelebt hatten, verließ etwa die Hälfte das Land. Die wenigen, die blieben, standen fortan unter doppeltem Joch: Sie wurden bespitzelt von ihren eigenen Funktionären, die als Parteimitglieder, oft sogar als Inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit, dafür Sorge trugen, "in den Reihen der Juden die politische Orientierung zu verbreitern und ideologisch zu vertiefen", und sie wurden überwacht von hauptamtlichen Mielke-Männern, waren zudem ohne ausreichende religiöse Betreuung und als Gemeinde völlig verarmt.

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