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Rezension: Sachbuch : So schöne Physik machen

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Sonderforschungsbereiche im Dritten Reich nur für den "Endsieg"

          Ich diente nur der Technik. Sieben Karrieren zwischen 1940 und 1950. Berliner Beiträge zur Technikgeschichte und Industriekultur. Schriftenreihe des Museums für Verkehr und Technik Berlin, Band 14. Nicolai Verlag, Berlin 1995. 200 Seiten, 140 Schwarzweißabbildungen, geb., 48,- Mark.

          Der nationalsozialistische Staat arbeitete wie ein Schwungrad, das sich um die Person Adolf Hitlers drehte. Seine Speichen waren einzelne Machtblöcke mit unterschiedlichen Interessen und Funktionen: Streitkräfte, Großindustrie, Beamtentum, Parteigliederungen, SS und direkt der Führermacht zugeordnete Dienststellen. In einem derartigen "Kartell" wirkten die Mitglieder teils zusammen, teils bekämpften sie sich. Dieses Grundmodell durchzieht das Konzept von Ausstellung und Buch "Ich diente nur der Technik" des Berliner Museums für Verkehr und Technik.

          Biographien sehr unterschiedlicher Fachleute zeigen exemplarisch einen Nationalsozialismus, der seine Ziele mit modernen technokratischen Mitteln verfolgte. Walter Schneider stand über das Dritte Reich hinweg in leitender Funktion bei den Berliner Verkehrsbetrieben, die in schwierigster Kriegszeit den Verkehr in der Reichshauptstadt zu bewältigen hatten, aber auch durch den Ausschluß von Juden von der Beförderung und durch den Einsatz von Zwangsarbeit belastet waren. Heinrich Nordhoff, aus der Vorkriegszeit vertraut mit modernster Technologie der Mutterfirma General Motors, produzierte bei Opel den militärisch vielseitig verwendbaren Lastkraftwagen "Blitz" und stand später für den kometenhaften Aufstieg des Volkswagen-Werks. Wilhelm Ohnesorge errichtete als Reichspostminister auf zivilen Pionierleistungen der Nachrichtentechnik einen weitverzweigten Sonderforschungsbereich für die militärische Nutzung des Fernsehens, darunter die "sehende" Gleitbombe als ferngelenkte "Wunderwaffe". Paul Schlack, international erstrangiger technischer Chemiker, erfand 1938 das Perlon und begleitete seine Kriegsproduktion. Karl Dönitz, nach Hitlers Selbstmord für kurze Zeit dessen Nachfolger, setzte im Seekrieg alles auf die Karte der hochtechnisierten, aber militärisch erfolglosen Unterseeboot-Waffe. Wernher von Braun, nach dem Krieg führender Kopf des amerikanischen Raumfahrtprogramms, erprobte die Raketenwaffe V2, bei deren unterirdischer Serienproduktion Tausende von Häftlingen starben.

          Interessant ist die Darstellung wenig bekannter Einzelheiten der damaligen außerordentlichen technischen Anstrengungen. Doch die Beschreibungen der Personen wirken eher blaß und erbringen nur eine weitere Bestätigung der bekannten Tatsache, daß manche Experten auf dem Trittbrett des erhofften "Endsiegs" ihr berufliches Fortkommen fanden, dabei über die menschenverachtende Praxis des Systems hinwegsahen und sich nach dem Krieg mit ihrer persönlichen Schuld nicht öffentlich auseinandersetzten. Ein untersuchenswertes Phänomen bleibt allerdings außer acht: Mit Hitlers Tod wich sein unheilvoller Einfluß gleichsam über Nacht einem wiedergewonnenen Realitätssinn, so bei Dönitz in der letzten Kriegswoche.

          Die einzige wirklich spannende Darstellung gilt Julius Dorpmüller, Reichsverkehrsminister seit 1937 und im Krieg Organisator riesiger Transportleistungen. Geprägt vom technischen Aufschwung im Kaiserreich, war er ein konservativer Pragmatiker und genoß als erstklassiger Eisenbahnfachmann und Präsident der Weltkraftkonferenz hohes internationales Ansehen. Die Alliierten wußten, daß Dorpmüller kein Anhänger des vulgären Nationalsozialismus war, und holten ihn unmittelbar nach der Kapitulation bis zu seinem Tod im Juli 1945 zum Wiederaufbau des deutschen Eisenbahnnetzes. Die Annahme der für seine Verdienste verliehenen Parteimitgliedschaft sowie natürlich die Tatsache der Judentransporte werfen einen Schatten auf eine Biographie mit tragischen Zügen.

          Schwächster Teil des Buchs ist die Einführung mit dem anscheinend unvermeidlichen Credo, der Nationalsozialismus müsse grundsätzlich einer anderen Sichtweise unterworfen werden als andere Manifestationen des Bösen. Das verstellt den Blick auf eine eingehendere Befassung damit, daß die Alliierten, als sie in deutschen Spitzenforschern ein gefährliches Potential wahrnahmen, sich aus politischen - nicht etwa moralischen - Gründen entschieden, belastende Hinweise dokumentarisch zu löschen und die betreffenden Personen für sich in Dienst zu nehmen. Und der Hinweis auf Oppenheimers nachträgliche Verurteilung des amerikanischen Atombombenprogramms wäre zu kontrastieren mit der Bemerkung des noch berühmten Physikers Fermi, der allen Bedenken entgegenhielt, man könne doch hier "so schöne Physik machen". Wenn schon der schwierige Versuch unternommen wird, die menschliche Dimension im Verhältnis von Macht und Technik zu beleuchten, dann sollte das ohne Rechthaberei abgehen. RUDOLF BOTZIAN

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