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Rezension: Sachbuch : Selbst das Verschweigen ist aufschlußreich

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Georgi Dimitroff: Tagebücher 1933-1943. Herausgegeben von Bernhard Bayerlein und Wladislaw Hedeler unter Mitarbeit von Birgit Schiewenz und Maria Matschuk. Band 1: Tagebücher, Band 2: Kommentare und Materialien. Aufbau-Verlag, Berlin 2000. 712 und 773 Seiten, 98,- Mark.Die Kommunistische Internationale ...

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          Georgi Dimitroff: Tagebücher 1933-1943. Herausgegeben von Bernhard Bayerlein und Wladislaw Hedeler unter Mitarbeit von Birgit Schiewenz und Maria Matschuk. Band 1: Tagebücher, Band 2: Kommentare und Materialien. Aufbau-Verlag, Berlin 2000. 712 und 773 Seiten, 98,- Mark.

          Die Kommunistische Internationale (Komintern), der Zusammenschluß der kommunistischen Parteien in aller Welt, wurde im März 1919 in Moskau gegründet. Lenin, Vorsitzender der bolschewistischen Revolutionsregierung und Initiator des Kongresses, setzte damit ein Vorhaben in die Tat um, das er schon seit Beginn des Weltkrieges verfolgt hatte. 1914 war die II. Internationale der sozialistischen Parteien an der Frage gescheitert, welche Haltung die Sozialisten zu diesem Kriege in ihren Ländern einnehmen sollten. Die neue Internationale der radikalen Sozialisten und Kommunisten sollte den gemeinsamen Kampf für die Weltrevolution organisieren und führen. Doch schon in der Gründungsphase zeichnete sich ab, daß die Hoffnungen auf den revolutionären Fortgang der Weltgeschichte verfehlt waren. So dauerte es nicht lange, bis die Komintern zu einem Instrument der sowjetischen Außenpolitik geworden war.

          Die kommunistische Partei der Sowjetunion machte die Komintern zu ihrer internationalen Organisation, zum "zweiten Gleis" sowjetischer Interessenvertretung neben der offiziellen Außenpolitik. Unter ihrem ersten Vorsitzenden Grigorij Sinowjew vollzog sich die "Bolschewisierung" der kommunistischen Parteien, die bedingungslose Übernahme der Vorgaben aus Moskau. Die Schwenks in der "Generallinie" unterwarfen die kommunistischen Parteien harten Proben auf ihren Gehorsam und ihre Disziplin. Die anfängliche Politik der "Einheitsfront" aller linken Kräfte gegen Kapitalismus und Imperialismus veränderte Lenin-Nachfolger Stalin 1928, indem er den Kampf gegen die als "Sozialfaschismus" diffamierte Sozialdemokratie zur Hauptaufgabe machte und den Schulterschluß mit der extremen Rechten nicht scheute. Ab 1935 galt es, in der "Volksfront" den Kampf gegen den Faschismus zu führen, der 1939 wegen der Verständigung mit dem nationalsozialistischen Deutschland abgebrochen und 1941 erneut aufgenommen wurde, diesmal aber im Bündnis mit den bis dahin als imperialistisch eingestuften Mächten. 1943 löste sich die Organisation des Weltkommunismus schließlich ganz auf, nachdem sie für die Kriegsallianz Stalins mit den Westmächten zur Belastung geworden war.

          Einer der führenden Kominternpolitiker, die diese Entwicklung nicht nur mittrugen, sondern aktiv mitgestalteten, war Georgi Dimitroff (1882-1949). Der gelernte Schriftsetzer aus der kinderreichen Familie eines bulgarischen Fuhrmannes vertrat Ende der zwanziger Jahre die KP Bulgariens im EKKI (Exekutivkomitee der Komintern), in dem er auch für die Analyse des Faschismus zuständig war. Seit seiner Ernennung zum Sekretär des Westeuropäischen Büros der Komintern im Jahre 1929 hielt Dimitroff sich häufig für längere Zeit in Berlin auf. Dort nahm sein Leben die dramatische Wende, die ihn zu einer wichtigen, schillernden Figur der neueren Geschichte machte.

          Im Zuge der Kampagne, die das nationalsozialistische Regime nach dem Reichstagsbrand gegen Kommunisten, Sozialdemokraten und andere mißliebige Gruppen führte, wurde Dimitroff am 9. März 1933 verhaftet. Seit dem Herbst 1933 stand er als einer der Hauptangeklagten des Reichstagsbrandprozesses vor dem Reichsgericht in Leipzig. Dort verteidigte er sich so geschickt, daß er als "Held von Leipzig" nicht nur seinen Freispruch zu erreichen, sondern auch Hermann Göring bloßzustellen vermochte. Allerdings blieb er auch nach Prozeßende in "Schutzhaft", und erst das Eingreifen der Moskauer Regierung, die ihm die sowjetische Staatsbürgerschaft verlieh, bewirkte seine Freilassung und Ausweisung in die Sowjetunion.

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