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Rezension: Sachbuch : Selbst das Verschweigen ist aufschlußreich

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Die erstmals auf deutsch vorgelegten Tagebücher Dimitroffs setzen mit dem Tag der Verhaftung ein und enden mit dem 12. Juni 1943, als er damit beschäftigt war, den Nachlaß der Komintern aufzulösen. Das mit einigen Lücken überlieferte Tagebuch wurde nicht im Hinblick auf eine interessierte Nachwelt geschrieben. Bei der Lektüre, die den Leser nach und nach immer mehr in ihren Bann zieht, gewinnt man eher den Eindruck, der Verfasser habe in seinem ereignis- und risikoreichen Leben als einflußreicher kommunistischer Führer, der, gerade weil er in seiner Position stets vor dem mißtrauischen Stalin auf der Hut sein mußte, die Notizen über seine Erlebnisse und sein eigenes Verhalten für sich selbst benötigt. Sie wurden für ihn zum "Arbeitsjournal", wie Herausgeber Bayerlein schreibt, in dem er sorgfältig den aktuellen Stand der "Generallinie" und der daraus resultierenden "Befehlslage" vermerkte, zur Planung seiner politischen Strategie und zugleich zu seiner persönlichen Absicherung, für den Fall einer notwendig werdenden Rekonstruktion von Daten und Fakten. Diesem Zweck dürfte wohl auch die nachträgliche Entfernung einiger Heftseiten gedient haben, die dadurch entstandenen Lücken wurden nicht wieder gefüllt.

Neben seinen Aufgaben als Kominternchef, zu dem er 1935 gewählt worden war, überwachte Dimitroff die Entwicklung in Südosteuropa und dort vor allem in Bulgarien, wo er bei Kriegsende die kommunistische Machtübernahme leiten sollte. Die Tagebücher spiegeln die damit verbundenen vielfältigen Tätigkeiten, Begegnungen und Eindrücke wider, wobei die Instruktionen durch Stalin, die Grundzüge seiner Reden und nicht zuletzt sein Verhalten, etwa Momente von offensichtlich auffällig guter Laune, besonders sorgsam vermerkt werden. Sensationelle Entdeckungen sind dabei nicht zu machen, wenn auch die Notizen über bereits 1941 von Stalin angestellte Überlegungen, die Komintern aufzulösen, für die Geschichte dieser Organisation bedeutsam sind.

Die Tagebücher sind aufschlußreich, weil sie die Mechanismen und Verhaltensweisen in einem totalitären System dokumentieren, das in einzigartiger Weise die ganze Welt zu erfassen und zu beeinflussen versuchte. Sie lassen einen Menschen erkennen, der innerhalb dieses Systems zwischen Gefährdung und Verstrickung agierte, ohne indessen dieses System verlassen zu können oder zu wollen. Ob er überhaupt fähig oder bereit war, an irgendeiner Stelle wenigstens innerlich auf Distanz zu gehen? In seinen Tagebüchern läßt Dimitroff davon nichts erkennen. In den Jahren des Terrors konstatiert er lakonisch das Verschwinden des einen oder anderen Menschen aus seinem Umkreis, über vieles schweigt er.

Persönliches fehlt nicht: Notizen zu den häufigen Krankheiten oder Alltagsbeobachtungen wie die mit Ausrufungszeichen versehene Pünktlichkeit des Zuges, der den Kominternchef mit Familie, Mitarbeitern, Arzt, Masseurin, Koch und Erzieherin für die Kinder im September 1940 zu Urlaub und Kur nach Sotschi bringt - Privilegien der Nomenklatura. Trauer und Verzweiflung angesichts der tödlichen Krankheit des kleinen Sohnes finden ihren anrührenden Ausdruck.

Die überaus sorgfältig erarbeitete Ausgabe der zum guten Teil aus dem Bulgarischen und dem Russischen hervorragend übersetzten Tagebücher wurde mit erläuternden Beiträgen, Fußnoten, Anmerkungen, Chroniken, Kurzbiographien, Abbildungen sowie Registern und einer Bibliographie reich ausgestattet.

HANS HECKER

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