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Rezension: Sachbuch : Rohstoffe und Außenpolitik

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Amerikanische Interessen in Afrika

          Gerhard Th. Mollin: Die USA und der Kolonialismus. Studien zur internationalen Geschichte, Band 1. Akademie Verlag, Berlin 1996. 544 Seiten, 148,- Mark.

          Zweiunddreißig Jahre lang herrschte der frühere zairische Diktator Mobutu in Kinshasa, bis er im Frühjahr 1997 von einem neuen Diktator mit Namen Kabila gestürzt und ins Exil getrieben wurde. Sowohl Mobutu als auch Kabila haben ihre Herrschaft den Vereinigten Staaten und deren Auslandsgeheimdienst CIA zu verdanken. Doch welche Interessen bewegen die Vereinigten Staaten seit mehreren Jahrzehnten, am Flußufer des Kongo einen ihnen genehmen Vasallen regieren zu lassen? Warum hat man im Weißen Haus nicht einmal davor zurückgeschreckt, den ersten Ministerpräsidenten des unabhängigen Kongo, Lumumba, 1960 ermorden zu lassen?

          Es sind die strategischen Rohstoffe, die seit dem Zweiten Weltkrieg die Geschicke des zweitgrößten schwarzafrikanischen Staates eng mit den Interessen der amerikanischen Regierungen verwoben haben. In seiner Habilitationsschrift "Die USA und der Kolonialismus" berichtet der Historiker Mollin, daß 1941 bis 1943 die Hälfte des in der kongolesischen Provinz Katanga geförderten Kupfers direkt in die amerikanische Munitionserzeugung ging. Zu neunzig Prozent war die amerikanische Kriegsindustrie in den vierziger Jahren von aus Belgisch-Kongo importiertem Kobalt abhängig; bei Industriediamanten betrug die Abhängigkeit zu jener Zeit immer noch mehr als sechzig Prozent.

          Noch wichtiger aber wurde Kongo in Zusammenhang mit dem Bau der ersten Atombomben. Während die Erze vom amerikanischen Colorado-Plateau nur 0,23 Prozent Uranoxyd enthielten, fand man in Kongo Uranerze mit dem fast unglaublichen Gehalt von 65 Prozent Uranoxyd. Die Vereinigten Staaten setzten deshalb alles daran, die ausschließliche Verfügungsgewalt über das kongolesische Uran zu bekommen, das nicht nur in der über Hiroshima abgeworfenen Atombombe traurige Berühmtheit erlangen sollte.

          Allein zwischen September 1944 und Oktober 1960 bezogen die Vereinigten Staaten ungefähr 28000 Tonnen Uranoxyd aus Kongo. Acht von zehn amerikanischen Amtomwaffen enthalten heute ausschließlich kongolesisches Uran. Mollin schreibt dazu: "Schon während des Zweiten Weltkrieges hatten Militär und Industrie der Vereinigten Staaten ein bedeutendes Interesse an den rüstungswichtigen Rohstoffen der belgischen Kolonie ausgebildet. Infolge der fortschreitenden Entwicklung der Atombombe und besonders nach deren ,erfolgreichem' Einsatz im August 1945 sollte das katangische Uranerz aber eine militärische Bedeutung erlangen, die - wenn überhaupt - nur mit dem Gewicht verglichen werden kann, das der Sicherung der Erdölversorgung zugemessen wurde."

          Der militärstrategischen Sicherung der amerikanischen Rohstoffversorgung haben kongolesische Häfen wie Matadi und Pointe Noire ihren Ausbau zu verdanken. Egal, ob es die mit westlicher Hilfe geförderten Ausbauschritte des rhodesischen Eisenbahnnetzes waren, das die portugiesisch-afrikanischen Häfen an der Westküste oder Ostküste des Kontinents miteinander verband, oder die Anlage neuer Straßen; fast alle von den Vereinigten Staaten mitfinanzierten Infrastrukturprojekte im Afrika südlich des Äquators dienten in den ersten Jahrzehnten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ausschließlich dem Ziel, den Zugang zu den mineralischen Rohstoffen im Inneren Afrikas zu eröffnen.

          Mollin schreibt etwa zum moçambiquanischen Hafen Beira: "Das zweite Vorhaben zielte auf die Entlastung des Hafens Beira, um den geplanten Abtransport kritischer Rohstoffe aus Zentralafrika in die Vereinigten Staaten nicht von einem einzigen Ausfuhrhafen abhängig zu machen. Dazu wurde eine Eisenbahnverbindung von Bulawayo in Südrhodesien über den moçabiquanischen Grenzort Pafuri nach Lourenço Marques hergestellt."

          Mollin ist es geglückt, Licht in das Dunkel amerikanischer Interessen im Herzen des afrikanischen Kontinents zu bringen. Wer das Verhalten Washingtons als Partner und Nachfolger der belgischen Kolonialmacht in Afrika studiert hat, kann nachvollziehen, warum die Vereinigten Staaten heute noch äußerst diskret die Fäden in diesem scheinbar unermeßlich reichen Land ziehen. Geändert hat sich seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges an der Interessenlage kaum etwas. Im Gegenteil: Seit dem Machtantritt Kabilas haben zunächst amerikanische Konzerne Eklusivverträge für die Ausbeutung der wichtigsten Rohstoffvorkommen bekommen; wer nicht Bürger der Vereinigten Staaten ist, benötigt dagegen zum Betreten der rohstoffreichen Katanga-Provinz (Shaba) heute ein gesondertes Visum. Dieses, so heißt es heute in Kinshasa, wird von Kabilas Beamten erst nach Rücksprache mit der amerikanischen Botschaft ausgestellt. UDO ULFKOTTE

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