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Rezension: Sachbuch : Retter der eidgenössischen Ehre

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Walther Hofer/Herbert R. Reginbogin: Hitler, der Westen und die Schweiz 1936- 1945. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2001. 686 Seiten, 45,- Euro.Unschuldig, eher Opfer denn Täter, zu Unrecht von Eizenstatt und anderen "sogenannten Historikern" verfolgt: die Schweiz im Zeitalter des "Dritten Reiches" und des Zweiten Weltkrieges.

          Walther Hofer/Herbert R. Reginbogin: Hitler, der Westen und die Schweiz 1936- 1945. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2001. 686 Seiten, 45,- Euro.

          Unschuldig, eher Opfer denn Täter, zu Unrecht von Eizenstatt und anderen "sogenannten Historikern" verfolgt: die Schweiz im Zeitalter des "Dritten Reiches" und des Zweiten Weltkrieges. Der bundesdeutsche Leser reibt sich verwundert die Augen - dem Senior der schweizerischen Zeitgeschichtsschreibung, jenem Mann, der den Begriff der "Entfesselung" des Zweiten Weltkriegs geprägt hat, platzt der Kragen. Walther Hofer rückt zur Verteidigung der eidgenössischen Ehre aus. Nicht von ungefähr beginnt und endet sein Bericht mit einer persönlichen Erinnerung: "Als wir die Kunde vernahmen, dass Hitler beschlossen habe ,zurückzuschiessen', verliessen wir ohne weitere Umstände das Gymnasium in Biel und gingen nach Hause. Auf dem Heimweg begegnete ich meinem Vater bereits in Uniform. Er müsse auf den Waffenplatz Lyss einrücken, sagte er mir. Und, ich müsse dann eine Abteilung berittener Artillerie in unserem Dorf einquartieren."

          "Einsatz für das Vaterland": In einem großen Bogen analysiert Hofer die internationale Politik vom Vorabend des Rheinland-Einmarsches bis zum Beginn des Krieges. Diese Politik sei durch und durch verfehlt, verantwortungslos und unprofessionell gewesen, habe folgerichtig in der Katastrophe des September 1939 geendet. Dabei sei eine völlig andere Politik durchaus möglich gewesen: "Unsere Darstellung kommt indessen zum Schluss, dass es dieser anderen Politik mit grösster Wahrscheinlichkeit gelungen wäre, den Zweiten Weltkrieg mit all seinen ungeheuerlichen Zerstörungen und Entbehrungen, den unermesslichen Leiden und Opfern - man denke nur an den Holocaust - zu vermeiden."

          Wer waren die Schuldigen? Natürlich Hitler in erster, Mussolini und Stalin in zweiter Linie - daran läßt auch Hofer keinerlei Zweifel. Dennoch, und dies zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch, hätte Hitler keine Chance gehabt, den Krieg zu entfesseln, wenn britische und französische Politiker nicht alles getan hätten, um ihm dies zu ermöglichen. Vehement wischt Hofer die auch in der Wissenschaft weitverbreitete Auffassung vom Tisch, in der Politik des "Appeasement" sei doch so etwas wie Vernunft zu erkennen gewesen, zumindest müsse sie als ehrenwerter Versuch gelten, den Frieden "für unsere Zeit" zu bewahren. Das Gegenteil sei richtig, und ganz unbarmherzig stellt Hofer vor allem einen Mann an den Pranger: Neville Chamberlain. Vom Rheinland-Einmarsch bis zur Zerschlagung der "Resttschechei" im März 1939 gehe alles auf das Konto seines Versagens, seiner Ignoranz, ja seiner Feigheit. Auch der französische Ministerpräsident Daladier und sein Generalstabschef Gamelin kommen schlecht weg: ängstliche Männer, die die deutsche militärische Stärke zehnfach übertrieben, unfähig, selbständig zu denken, geschweige denn zu handeln, sklavisch abhängig von Chamberlain und dem britischen Botschafter in Berlin, dem Dummkopf Henderson - eine traurige Allianz der Blinden mit den Lahmen. Man hört förmlich das mephistophelische Hohngelächter aus Berlin.

          Man kann es auch lesen: Sorgfältig hat Hofer die zeitgenössische Presse analysiert, und da findet sich mehr, als man gemeinhin vermuten möchte. Schwer zu widerlegen ist seine Behauptung, die Verdammung der Appeasement-Politik sei keine Ex-post-Attitüde, sondern schon bei aufmerksamen Zeitgenossen zu finden - ganz ausgeprägt bei Winston Churchill, einem wahren Visionär, wie Hofer meint, und, natürlich, vielen Schweizer Politikern und Diplomaten. Damit ist er beim eigentlichen Thema.

          Wenn der Eizenstatt-Bericht und in dessen Gefolge viele "Trittbrettfahrer" der Schweiz Eigensucht, politische Skrupellosigkeit, fast so etwas wie Komplizenschaft mit dem nationalsozialistischen System vorgeworfen haben, so gelangen die beiden Autoren zum Schluß, daß das glatte Gegenteil richtig ist: Die Schweiz habe die Entwicklungen in Europa, vor allem aber in Deutschland nicht nur zutreffend registriert und bewertet, sondern auch die daraus richtigen Schlüsse gezogen. Zwar kommt Hofer nicht umhin, die merkwürdigen Anbiederungsversuche des für die Außenpolitik zuständigen Bundesrates Motta zu erwähnen. Doch das berühmt-berüchtigte Telegramm des deutschen Gesandten in Bern (Otto Köcher rapportierte Mottas "Bewunderung" für Hitlers "Anschluß"-Politik 1938) glaubt Hofer der schönfärberischen, dem Diktator lobhudelnden Formulierungskunst des deutschen Diplomaten geschuldet - eine mehr als kühne Deutung.

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