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Rezension: Sachbuch : Projektgruppe moralische Entsorgung

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Frau Thalheim quält sich mit ihrer Vergangenheit, kritisiert zu Recht den sensationslüsternen Umgang mancher Medien mit dieser Thematik und - was das Wichtigste ist - stellt sich ihr. In einem Punkt allerdings irrt sie, wenn sie mutmaßt, daß dem ehemaligen IM und späteren Bürgerrechtler Wolfgang Templin diese Zusammenarbeit nicht angelastet wird, weil er "heute mit Kanzler Kohl in Unrechtsaufarbeitungskommissionen" sitze. Nein, das ist es nicht. Templin hat nach seinem Bruch mit der SED und dem MfS aktiv am Sturz der SED-Diktatur mitgewirkt und steht zudem auch zu diesem Schatten in seiner Vergangenheit.

Die in diesem Buch ebenfalls vertretenen westdeutschen Autoren übertreffen die ostdeutschen Autoren noch in ihrer Feindseligkeit gegenüber der alten Bundesrepublik und dem vereinten Deutschland. Der ehemalige hessische Innenminister Horst Winterstein erzählt das Märchen, Wissenschaftler des Forschungsverbundes SED-Staat hätten von der Deutschen Bank einen "Mehrere-hunderttausend-D-Mark-Betrag" bekommen, um den "Banken-Gegner Dieter Dehm" als IM-Spitzel zu enttarnen. Die Belege, die Dehm überführten, seien zudem gefälscht, die Aussage Wolf Biermanns, Dehm habe sich ihm gegenüber als MfS-Spitzel offenbart, unglaubwürdig. Andererseits hat Winterstein keine Hemmungen, die CDU-Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach, die einen diesbezüglichen Prozeß gegen Dehm gewonnen hat, als rechtsextrem, mithin als Verfassungsfeindin zu denunzieren.

Der Journalist Eckart Spoo verblüfft mit der Erkenntnis, das MfS habe "die Entwicklung der Demokratie in der DDR schwer behindert, viel von der demokratischen Substanz des Staates ausgezehrt". Schließlich darf in dieser ehrenwerten Runde der Historiker Wolfgang Wippermann nicht fehlen, der an der Freien Universität Berlin als Lehrbeauftragter Geschichte unterrichtet. Er kritisiert den Herausgeber des Schwarzbuches des Kommunismus, Stéphane Courtois, der darauf hingewiesen hat, der Tod eines ukrainischen Kulaken-Kindes, das vom stalinistischen Regime gezielter Hungersnot ausgeliefert worden sei, wiege genauso schwer wie der Tod eines jüdischen Kindes im Warschauer Ghetto, das dem vom NS-Regime herbeigeführten Hunger zum Opfer fiel. Wippermann argumentiert, das ukrainische Kulaken-Kind sei nicht wegen seiner ukrainischen Herkunft, sondern wegen seiner Klassenzuordnung gestorben. Das jüdische Kind dagegen sei ermordet worden, weil die Nationalsozialisten alle Juden vernichten wollten. Was will uns der Autor mit diesem Hinweis sagen?

Neben der Gauck-Behörde wird von einigen Autoren der Berliner Forschungsverbund SED-Staat, dem auch der Rezensent angehört, diffamiert. Er sei vom Großkapital finanziert und verfolge "als ein Hauptziel zum Beispiel die nachträgliche Delegitimierung der Friedens- und Entspannungspolitik eines Willy Brandt", gebe Aktenfunde an diverse Presseorgane zum Zwecke sensationeller Enthüllungen weiter, kritisiere zu Unrecht die systemimmanente DDR-Forschung und den Kontakt zwischen SPD- und SED-Historikern. Dies ist alles schlicht unwahr. Dabei wenden die Autoren genau jene Methoden an, die sie mit ihrem Buch vorgeblich aufs Korn nehmen. So schildert beispielsweise die Berliner Historikerin Carola Sommer, hinter der sich ein Angehöriger der FU Berlin verbirgt, der für seine unsaubere Argumentation nicht selbst geradestehen will, eine Kontroverse zwischen dem Mitarbeiter des Forschungsverbundes, Jochen Staadt, und dem Mitarbeiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Peter Steinbach, und übernimmt - wider besseres Wissen - Steinbachs Vorwurf einer "denunziatorischen Publizistik". Diese Behauptung stützt sich auf ein von ihm aus Unkenntnis fehlerhaft zugeordnetes und zudem noch falsch wiedergegebenes Dokument aus dem internen Parteiarchiv der SED.

Dieses Buch ist kein Lesebuch, schon gar nicht ein Gauck-Lesebuch. Es handelt sich allenfalls um ein Lehrbuch von Gauklern über Methoden des Trickbetrugs. Unbelehrbare, die nichts aus den Erfahrungen einer sozialistischen Diktatur lernen wollen, mögen sich daran erbauen, wie sogar die schäbige und skrupellose Arbeit des MfS mit obskuren Argumenten entsorgt wird. Hier schreibt zusammen, was zusammengehört.

KLAUS SCHROEDER

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