https://www.faz.net/-gqz-3xw7

Rezension: Sachbuch : Probemarsch auf Bozen

  • Aktualisiert am

Rudolf Lill: Südtirol in der Zeit des Nationalsozialismus. UVK Verlagsgesellschaft mbh Konstanz 2002. 364 Seiten, 34,- [Euro].Wie in einem Brennglas findet sich in der Geschichte Südtirols ein Stück Geschichte des 20. Jahrhunderts wieder. Es ist alles da: der Erste Weltkrieg mit seinen verheerenden ...

          Rudolf Lill: Südtirol in der Zeit des Nationalsozialismus. UVK Verlagsgesellschaft mbh Konstanz 2002. 364 Seiten, 34,- [Euro].

          Wie in einem Brennglas findet sich in der Geschichte Südtirols ein Stück Geschichte des 20. Jahrhunderts wieder. Es ist alles da: der Erste Weltkrieg mit seinen verheerenden Auswirkungen, die "Friedensverträge", mit denen zahlreiche Minderheitenprobleme erst geschaffen und verschärft wurden. Ein fast hundertprozentig deutschsprachiges Südtirol, das seit mehr als fünf Jahrhunderten zu Österreich gehört hatte, wurde Italien als "Kriegsbeute" zugeschlagen - mit der Grenze am Brenner. Durch das Hitler-Mussolini-Abkommen aus dem Jahre 1939 fand schließlich in Südtirol das Experiment einer "ethnischen Flurbereinigung" statt. 86 Prozent der Südtiroler trafen damals die Wahl ("Option" wurde das genannt), das Land zu verlassen und "Reichsdeutsche" zu werden; rund 75 000 gingen tatsächlich.

          Dann kam der Zweite Weltkrieg - mit Italien erst auf der einen, dann auf der anderen Seite und mit den entsprechenden Auswirkungen auf Südtirol. Nach Kriegsende gab sich Italien demokratisch, während Südtirol frühzeitig in die Mühlen des Kalten Krieges geriet. Eine Rückkehr zu Österreich wurde von den Siegern abgelehnt; sie hielten an der Brenner-Grenze fest. Auf Druck der Briten kam es im September 1946 zu einem Abkommen zwischen Österreich und Italien. Italien gestand Südtirol 1948 eine Autonomie zu, die sich schon bald als Scheinautonomie erwies. Enttäuschte Hoffnungen führten so Ende der fünfziger Jahre zur Verschärfung der Lage in Südtirol - mit der Forderung nach Selbstbestimmung und nach einer wirklichen Autonomie. Es folgte Österreichs Weg zu den Vereinten Nationen, der begleitet war von Bombenattentaten in Südtirol. Nach jahrzehntelangem Streit einigten sich Österreich und Italien endlich 1992 auf eine Autonomie, die als Modell für die Lösung der mit dem neuen Nationalismus des ausgehenden 20. Jahrhunderts einhergehenden Probleme dienen könnte.

          Im Bewußtsein vieler Deutscher hat Südtirol einen ganz besonderen Stellenwert. Vielen Deutschen erschien Südtirol damals als "urdeutsches, manchen als das deutscheste aller deutschen Länder", wie das der Ministerialdirektor im Auswärtigen Amt und spätere Bundespräsident Karl Carstens 1959 einmal gegenüber dem österreichischen Botschafter in Bonn formulierte.

          Nun legt Rudolf Lill die Quintessenz seiner Südtirol-Erfahrung vor - nicht aus den Akten gearbeitet, sondern eine Art Synthese der vorhandenen Literatur und unter Berücksichtigung der italienischen Geschichte. Der Schwerpunkt liegt auf der Zeit bis 1945; und da ist die Darstellung durchwegs geglückt. Was ist neu, wo geht er auf Kontroversen ein? Zunächst über die Phase nach der Teilung Südtirols bis zur Machtübernahme der Faschisten: Hier sprechen die Italiener von einer demokratischen, durchaus wohlwollenden Politik gegenüber Südtirol. Mit Lill kann man das auch anders sehen. Immerhin probten die Faschisten ihren Marsch auf Rom zuvor mit einem Marsch auf Bozen.

          Schwierig ist die Zeit nach 1945. Da ging es zunächst um die mögliche Rückkehr Südtirols zu Österreich. Lill referiert den Forschungsstand, ohne selbst Stellung zu beziehen. Ähnlich bei den Bombenattentaten 1961: Was wollten die Attentäter? Die Selbstbestimmung oder die Autonomie? Und was haben sie bewirkt? Leider hat Lill auch die postum veröffentlichten Memoiren von Paolo Emilio Taviani nicht berücksichtigt. Der langjährige Verteidigungs-, Innen- und Wirtschaftsminister schrieb einige erstaunliche Wahrheiten über Südtirol nieder.

          ROLF STEININGER

          Weitere Themen

          Hoffnung im Ansicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Ansicht der Apokalypse

          Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und non-stop Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt, und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte erklärt FAZ-Redakteur Andreas Platthaus.

          Der Bürger ist immer der Gärtner

          Stadtgärtnereien : Der Bürger ist immer der Gärtner

          Stadtgärtnereien leisten einen wichtigen Beitrag zum kommunalen Leben. Sie gestalten Parks und Friedhöfe oder kümmern sich um die Sicherheit von Spielplätzen. Wäre da nicht das Finanzierungsproblem.

          Topmeldungen

          Klimaaktivistin : Das Team hinter Greta

          Vor einem Jahr hat die schwedische Teenagerin Greta Thunberg ihre Schulstreiks begonnen. Heute ist sie weltberühmt und segelt über den Atlantik. Wir zeigen die Leute hinter ihr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.