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Rezension: Sachbuch : Privilegiengesellschaft

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SÜDWESTAFRIKA. Gleich zwei Neuerscheinungen des vergangenen Jahres widmeten sich der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Neben der voluminösen Gesamtdarstellung des Mainzer Historikers Udo Kaulich will nun Jürgen Zimmerer auf Grundlage der Akten in den National Archives Windhuk ...

          SÜDWESTAFRIKA. Gleich zwei Neuerscheinungen des vergangenen Jahres widmeten sich der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Neben der voluminösen Gesamtdarstellung des Mainzer Historikers Udo Kaulich will nun Jürgen Zimmerer auf Grundlage der Akten in den National Archives Windhuk und im Bundesarchiv Berlin neue Einsichten in das tatsächliche Funktionieren der deutschen Kolonialherrschaft über die indigene Bevölkerung vermitteln. Der Autor unterscheidet drei Phasen der schon damals euphemistisch als "Eingeborenenpolitik" bezeichneten Zwangsmaßnahmen, die unter gezielter Ausnutzung der ökonomischen Entwicklungsdifferenz die Herrschaft der weißen Herren auf rassistischer Grundlage dauerhaft zementieren sollten: die Frühphase (1884 bis 1904), in der die Administration aufgrund fehlender militärischer Machtmittel zu einer Politik der Zugeständnisse und des "divide et impera" gegenüber den Häuptlingen gezwungen war, den Herero-Krieg (1904 bis 1907), dessen Strategie der eigentlichen "Eingeborenenpolitik" wegen der massenhaften Vernichtung von Arbeitskräften zuwiderlief, und die Schlußphase (1907 bis 1915), in der die Verwaltung nach der Beseitigung aller Widerstände ihre Maßnahmen endlich ohne Rücksicht anwenden konnte. Dazu zählten Landenteignung, Mischehenverbot, Arbeitszwang und direkte Besteuerung. Ziel dieser Politik, die in Namibia tiefe Spuren hinterlassen hat, war der Aufbau einer Siedlungskolonie mit einer an vormodernen Vorstellungen orientierten Gesellschaftsordnung und eines effizienten Wirtschaftssystems mit "neuen Afrikanern", die - ihrer eigenen Traditionen entwurzelt - nur noch den Bedürfnissen des kolonialen Staates zu dienen hatten. Die Partikularinteressen der weißen Bevölkerungsgruppen (Verwaltung, Farmer, Minenbetreiber, Missionare) und schließlich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges vereitelten aber den erfolgreichen Abschluß dieses Experimentes. Das Ergebnis der auf breiter Quellengrundlage erarbeiteten Studie von Zimmerer ist ein differenzierteres Bild der Herrschaftsutopie und des davon zuweilen abweichenden Herrschaftsalltages einer sich hermetisch abschließenden rassischen Privilegiengesellschaft, wie sie auch in den übrigen deutschen Afrika-Kolonien zu finden war. (Jürgen Zimmerer: Deutsche Herrschaft über Afrikaner. Staatlicher Machtanspruch und Wirklichkeit im kolonialen Namibia. LIT Verlag, Münster 2001. 329 Seiten, 35,90 Euro.)

          RALPH ERBAR

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