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Rezension: Sachbuch : Preuße ohne Legende

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Eine Biographie des "Praktizisten" Albert Grzesinskis

          4 Min.

          Thomas Albrecht: Für eine wehrhafte Demokratie. Albert Grzesinski und die preußische Politik in der Weimarer Zeit. Politik- und Gesellschaftsgeschichte, Band 51. Verlag J. H. W. Dietz Nachfolger, Bonn 1999. 384 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 58,- Mark.

          Heute ist Albert Grzesinski fast völlig vergessen, dabei war er einmal einer der bekanntesten preußischen Politiker. 1879 in Treptow an der Tollense in Vorpommern als Albert Ehlert geboren, wurde er 1884 von seinem Stiefvater adoptiert und wuchs in Spandau in kleinbürgerlichen Verhältnissen heran. Nach der Lehre als Metalldrucker trat er zunächst dem Metallarbeiterverband und im März 1900 in Offenbach der SPD bei; sein politischer Ziehvater war Karl Ulrich, die dominierende Persönlichkeit der hessischen Sozialdemokratie. 1906 wurde er hauptamtlicher Gewerkschaftsfunktionär, ab 1907 wirkte er in Kassel. Dort wurde er 1913 Vorsitzender des Gewerkschaftskartells. Im Laufe des Ersten Weltkrieges erlangte er Sitz und Stimme und damit Einfluß in wichtigen Verwaltungskörperschaften und wuchs so allmählich in eine wichtige Stellung hinein.

          Während der Revolution stand er erst recht im Zentrum des Geschehens; es ging ihm dabei um eine möglichst ruhige Überleitung in demokratische Verhältnisse. Als er Mitglied des Zentralrates der deutschen sozialistischen Republik wurde, übersiedelte er im Dezember 1918 nach Berlin. Für einige Monate war er Unterstaatssekretär im Preußischen Kriegsministerium, dann bis März 1921 Reichskommissar für die Abwicklung des alten Heeres, danach Referent im Reichsarbeitsministerium, Präsident des Preußischen Landespolizeiamts und Oberregierungsrat im Innenministerium, schließlich 1925/26 Polizeipräsident von Berlin. Vom Oktober 1926 bis Ende Februar 1930 war er preußischer Innenminister, von November 1930 bis zu Papens Preußenschlag am 20. Juli 1932 stand er wieder an der Spitze der Berliner Polizei. Seit 1919 hatte er stets ein Landtagsmandat inne und gehörte zu den führenden Persönlichkeiten in der SPD-Fraktion. Wegen seines engagierten Eintretens für die Demokratie war er bei der NSDAP besonders verhaßt - im Februar 1932 hatte er es in öffentlicher Rede als verwunderlich bezeichnet, daß man den Ausländer Hitler nicht "mit der Hundepeitsche" davonjage. Nach Bildung der Regierung Hitler verließ er Deutschland schon am 5. März 1933 - die nächsten Wochen hätte er hier vermutlich nicht überlebt. Sein Exil führte ihn über die Schweiz für vier Jahre nach Paris, dann im Juli 1937 nach New York. Nach dem Ende des Krieges wollte er, inzwischen amerikanischer Staatsbürger, so bald wie möglich nach Deutschland zurückkehren. Ende 1947 bot ihm Kurt Schumacher an, bei den Verfassungsplanungen der SPD für die Länder koordinierend mitzuarbeiten. Ehe er diesem Ruf folgen konnte, starb er am Silvestermorgen 1947 an Lungenentzündung.

          Gestützt auf den Nachlaß Grzesinskis und auf zahlreiche weitere Materialien, unter anderem Akten des Berliner Polizeipräsidiums und des Preußischen Innenministeriums, zeichnet Thomas Albrecht das Leben dieses Mannes in einer sehr lesenswerten Studie nach. Die Arbeit hat ihren Schwerpunkt zwar in der Weimarer Zeit, aber der Autor behandelt in angemessener Breite auch die Prägungen in Kindheit und Jugend mit der Zuwendung zur SPD und während des neunzehnjährigen Wirkens in Hessen.

          Grzesinski stand immer auf dem rechten Flügel seiner Partei. Albrecht sieht ihn freilich nicht als Reformisten, vielmehr nennt er seine Haltung Praktizismus, da er sich kaum um theoretische Auseinandersetzungen kümmerte, sondern in der täglichen politischen Arbeit aufging. Demokratie und Sozialismus gehörten für ihn eng zusammen, wobei er sich mit der Definition von Sozialismus nicht lange beschäftigte; er verstand darunter die Aufhebung jeder Art von Unterdrückung. Vor dem Parlament hatte er hohen Respekt, das parlamentarische Regierungssystem war ihm selbstverständlich, und er leistete einen erheblichen Beitrag dazu, daß es in Preußen gut funktionierte.

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