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Rezension: Sachbuch : Posen in offener Feldschlacht

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Ein Bildband der BBC über den Ersten Weltkrieg

          Jay Winter and Blaine Baggett: 1914 bis 1918. The Great War and the Shaping of the 20th Century. BBC Book, London 1996. 432 Seiten, 25,- Pfund.

          Der monumentale Bildband beginnt mit einer Hommage an Käthe Kollwitz. Gleich auf der ersten Seite zeigen die englischen und amerikanischen Herausgeber im Großformat jenes berühmte Grabmal, das die Berliner Bildhauerin für ihren 1914 bei Ypern gefallenen Sohn schuf. Eine noble Geste, gleichsam ein Symbol dafür, daß diese Dokumentation über den Wahnwitz des Ersten Weltkrieges frei ist von allen chauvinistischen Ressentiments. Das internationale Autoren-Team des großangelegten Werkes verschweigt freilich keineswegs sein Entsetzen über die Kriegsverbrechen, die von den Deutschen im August und September 1914 im neutralen Belgien begangen wurden. Weil sich die Belgier erbittert gegen den völkerrechtswidrigen Einmarsch der Deutschen wehrten und man deshalb überall Partisanen vermutete, fanden gleich in den ersten Kriegstagen rigorose Geiselerschießungen statt, und etliche Dörfer wurden von den "Hunnen" niedergebrannt. Deutsche Ulanen mit unförmigen, gespenstisch anmutenden Helmen und dreieinhalb Meter langen Lanzen, die "mit lautem Hurra" über die belgische Grenze galoppierten, wurden sehr bald zum Schreckgespenst der Zivilbevölkerung.

          Als Europa im August 1914 "ins Feld zog", herrschte in den Köpfen der führenden Militärs noch immer das 19. Jahrhundert. Niemand wollte wahrhaben, daß durch die Erfindungen der modernen Rüstungstechnik, vor allem durch das Maschinengewehr, alle ritterlichen Rituale vergangener Zeiten nur noch eine selbstmörderische Farce waren: Die französische Generalität wehrte sich beispielsweise gegen die Einführung von tarnenden Felduniformen in "schmutziger, ruhmloser Dreckfarbe". Das sei eine Verhöhnung der militärischen Ehre Frankreichs. Der Revanchekrieg um die 1871 geraubten Provinzen Elsaß und Lothringen müsse natürlich in blauer Montur und den glorreichen "roten Hosen" geführt werden. Wie zu Zeiten Napoleons besaßen französische Kavallerie-Offiziere einen spiegelblanken Küraß, und ihr Helm war mit einem langen, schwarzen Roßhaarschweif geschmückt. Wenn sie säbelschwingend zur Attacke ritten, trugen sie elegante weiße Handschuhe.

          Alle Generale wollten damals den Sieg "in offener Feldschlacht" erzwingen - egal welche Opfer dieser törichte Anachronismus auch kostete. Der französischen Armee wurde seit Jahren als oberstes Gebot die offensive à outrance eingehämmert. Nur so, mit der Offensive bis zum Äußersten, könne der Sieg über die Deutschen errungen werden. Und wehe dem Offizier, der keinen "Cran" - zu deutsch etwa "Mumm" - besaß. Es bleibt unbegreiflich, welche bedenkenlose Verschwendung an Menschenleben damals von den Armeeführern aller Nationen betrieben wurde. Bei Frontalangriffen schickten sie Welle auf Welle der jungen Soldaten in den Tod. Sie hielten diese sinnlose Vernichtung des ihnen zur Verfügung stehenden "Menschenmaterials" für eine zwar bedauerliche, aber unvermeidliche Begleiterscheinung moderner Kriegführung. In den wenigen Monaten bis zum Jahresende 1914 starben deshalb an der Westfront, meistens von Maschinengewehren niedergemäht, Hunderttausende von Soldaten.

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