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Rezension: Sachbuch : Plätzchen an der Sonne

  • Aktualisiert am

Der kulturelle Auftrag des kaiserlichen Deutschlands in der Südsee

          4 Min.

          Hermann Joseph Hiery: Das Deutsche Reich in der Südsee (1900-1921). Eine Annäherung an die Erfahrungen verschiedener Kulturen. Veröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts London, Band 37. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen und Zürich 1995. 353 Seiten, 14 Abbildungen, 10 Tabellen, eine Faltkarte, 112,- Mark.

          "Ja, fünfundzwanzig auf die Fußsohlen", an dieses Strafmaß erinnerte sich ein Askari-Veteran, gefragt von Bundespräsident Lübke beim Besuch im ehemaligen Togo, ob er denn noch etwas Deutsch könne. Ein ganz anderes Gedenken der kurzen deutschen Kolonialherrschaft findet der Autor des hier vorgestellten Buches in der Südsee, ein geradezu verklärendes "Gut taim bipo" nämlich auf Pidgin für "gute alte Zeit".

          Im Unterschied zu Afrika, wo aktuelle politische Entwicklungen auch die Vergangenheit berühren, spielt die fernöstliche Präsenz des Kaiserreichs im deutschen öffentlichen Bewußtsein keine Rolle, ausgenommen vielleicht das Pachtgebiet um Tsingtau, Marinestützpunkt und Tor zum Reich der Mitte auf wirtschaftlichem Gebiet. Doch wer weiß schon um die ehemaligen drei deutschen Schutzgebiete in der fernen Südsee, bis mehrere tausend Kilometer nordöstlich Australiens: ein Teil Neuguineas mit vorgelagerten Inseln, Samoa und die ausgedehnte Kleininselwelt Mikronesien (darunter Bikini und Eniwetok als Orte späterer Atomversuche)?

          Das Deutsche Reich hatte die Oberhoheit über seine ozeanischen Schutzgebiete um die Jahrhundertwende in Absprache mit den anderen Kolonialmächten begründet. Verglichen mit den übrigen deutschen Kolonien, waren die Inseln militärisch wertlos und wirtschaftlich unbedeutend. Um so mehr sah das nach einer gleichberechtigten Stellung unter den Großmächten strebende Deutschland seinen Kulturauftrag darin, in der paradiesischen Südsee die "besten Menschen" unter den Kolonialvölkern für die eigene Wertegemeinschaft zu gewinnen. Vorrangiges Nahziel waren die Befriedung der in ununterbrochene Stammeskämpfe verwickelten Einwohner sowie die Beendigung von Blutrache, Kopfjagd, Kannibalismus und Menschenopfern.

          In ganz wenigen Jahren wurde tatsächlich eine "Pax Germanica" mit einer Art Doppelstrategie erreicht: hoheitliche Präsenz mit persönlichem Einsatz der Kolonialverwaltung und gleichzeitige Einbindung der einheimischen gesellschaftlichen Kräfte, denen - bezeichnenderweise über die Frauen - das Interesse an einem friedlichen Miteinander nahegebracht werden konnte. Es gab keinerlei Besatzungstruppen, deshalb hing alles vom persönlichen Auftreten der Kolonialbeamten ab. Hier kamen nicht Karrieristen zum Erfolg, sondern nur Menschen, die mit Einfühlungsvermögen und dem Zugeständnis weitgehender Selbstverwaltung an die indigenen Kulturen in religiösen, rechtlichen und wirtschaftlichen Dingen eine erfolgreiche "indirect rule" aufbauten, ohne auf Direktiven aus Berlin zu warten.

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