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Rezension: Sachbuch : Pioniere einer kämpfenden Verwaltung

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Staatliche Systematik und dosierter Volkszorn / Dokumente zur Judenpolitik des Sicherheitsdienstes

          4 Min.

          Michael Wildt (Herausgeber): Die Judenpolitik des SD 1935 bis 1938. Eine Dokumentation. Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Band 71. R. Oldenbourg Verlag, München 1995. 220 Seiten, 35,- Mark.

          Sosehr der Historikerstreit die damals führenden deutschen Zeitgeschichtsinterpreten spaltete, so wenig bestand in einem Punkt Dissens: Sämtliche Kontrahenten setzten stillschweigend voraus, die Geschichte des Holocaust sei im wesentlichen geschrieben, strittig allein die historische Einordnung. Sie irrten. Mittlerweile sind zehn Jahre vergangen, und die Arbeiten aus den Reihen der jüngeren Historikergeneration zeigen, wie viele Details und größere Zusammenhänge zum Zeitpunkt des berühmten Zanks noch unerkannt waren. Dazu zählen beeindruckende Studien zu den Massenmorden der Einsatzgruppen, zur antijüdischen Praxis einzelner Behörden; darüber hinaus solche zur Umsiedlungspolitik und zur Tätigkeit der Dienststelle Eichmanns, die, man sollte es kaum glauben, über Jahrzehnte unerforscht geblieben war. Zahlreiche Monographien sind weit gediehen oder bereits im Druck: Sie handeln von der Judenverfolgung in Ostgalizien, in Weißrußland oder in Litauen, vom Mord an Zigeunern, von exponierten Mitarbeitern des Reichssicherheitshauptamts.

          Einige der Autoren solcher Studien bereiten gemeinsam die kommentierte Edition jenes Kalendariums vor, das Heinrich Himmler für die Jahre 1941/42 hinterließ und dessen wichtigste Teile bis 1991 in einem Moskauer Sonderarchiv sekretiert blieben. Zu ihnen gehört Michael Wildt. Seine nun vorliegende Dokumentation zur frühen Judenpolitik des Sicherheitsdienstes (SD) basiert auf demselben Quellenfundus: Großen, zusammenhängenden Segmenten aus der Aktenregistratur des Reichssicherheitshauptamts, die 1943/44 in zwei niederschlesische Schlösser ausgelagert und dort von der 59. sowjetischen Armee erbeutet wurden.

          In Moskau fand Wildt Unterlagen und Berichte, die in der SD-Abteilung II/112 (Beobachtung weltanschaulicher Gegner/ Judentum) in der Zeit vor dem Krieg angelegt wurden. Sie dokumentieren, wie jene SD-Männer, die später zu Exponenten der Todesbürokratie wurden, sich früh als Pioniere einer "kämpfenden Verwaltung" (Heydrich), einer systematischen Segregation verstanden: Sei es die von ihnen inspirierte genaue, individuelle Erfassung der deutschen Juden mit Hilfe einer Volkszählung, sei es das gesetzliche Verbot von "Rassenschande" oder - lange bevor die Schweizer Regierung danach verlangte - die besondere Kennzeichnung jüdischer Pässe und schließlich die optische Stigmatisierung der Verfolgten selbst. Sie wurde vom SD schon 1938 einschließlich graphischer Entwürfe und Kostenvoranschläge ventiliert, also genau drei Jahre vor der amtlichen Einführung des Judensterns. Anhand der Dokumentation wird sichtbar, wie die "Theoretiker" des SD - eines Nachrichtendienstes, dessen Mitgliedern zunächst jedes exekutive Handeln ausdrücklich untersagt war - zur Praxis drängten. Mitte 1937 übernahmen sie innerhalb des Polizei- und SS-Apparats "die volle Verantwortung in der Bearbeitung der Judenfrage".

          Schon im Mai 1934 warnte ein namentlich nicht bekannter Referent seinen Chef Heydrich, daß sich aus dem Fernziel der "restlosen Auswanderung" ein "Stocken der Judenabschiebung" und damit ein "Dauerzustand" ergeben könne. Um das zu verhindern, gelte es, die Lebensmöglichkeiten der Juden einzuschränken, ihre Angst und das Gefühl der Ausweglosigkeit "auch mit den sonst abzulehnenden Straßenmethoden", also mit Hilfe eines staatlich dosierten "Volkszorns" zu verstärken, um den Verfolgten täglich neu zu demonstrieren: "Deutschland muß ihnen ein Land ohne Zukunft sein." Dazu gehörte die systematische Überwachung, Einschüchterung und Marginalisierung derjenigen "Arier", die dem Staatsantisemitismus zunächst Widerstand oder wenigstens Passivität entgegensetzten, etwa die "klerikal verhetzte, katholische Landbevölkerung" oder jene Protestanten, die halböffentlich "mit Scham und Schmerz" feststellten, "daß es Gemeindekirchenräte gibt, die die Judentaufe verweigern".

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