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Rezension: Sachbuch : Pflicht und Kür

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Fünfunddreißig in- und ausländische Autoren über das versunkene Preußen, die preußischen Tugenden und den deutschen Widerstand

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          Karl-Günther von Hase/Reinhard Appel (Herausgeber): Preußen 1701/2001. Eco Verlagsgruppe Serges Medien, Köln 2001. 318 Seiten, 49,95 Mark.

          Verlegerisch liegt es in der brandenburg-preußischen - und territorial bekanntlich durchaus bis über den Rhein hinausreichenden - Luft, ein solches Buch im Preußen-Jahr 2001 zu "machen". Zwei Altprominente werden als Herausgeber tätig: der ehemalige Fernsehmoderator Reinhard Appel und der frühere Fernsehintendant und Chef des Bundespresseamtes unter Konrad Adenauer und Ludwig Erhard, Karl-Günther von Hase. Beide kennen zwar nicht Gott, aber dafür die Welt. Wer kann ihrem Ruf (oder auch nur ihrem Telefonanruf) widerstehen, wenn es darum geht, zum Thema Preußen zur Feder zu greifen oder wenigstens einen veröffentlichten Text zum Wiederabdruck aus der Schublade des Empire-Sekretärs zu holen? Aus der Pflicht wird dann eine Kür, zumal mehr als dreihundert Abbildungen dem geneigten Leser zusätzlich einen informativen Augenschmaus bieten.

          Bundespräsident Johannes Rau - wie es sich protokollarisch gehört: an erster Stelle - meint, daß für den von den Alliierten versenkten Staat zu lange und zu oft "nur Schwarz oder Weiß" gegolten habe. Dabei sei Preußen "immer mehr Idee und Haltung als eine geographische Bezeichnung" gewesen. Er fragt sich, ob den Deutschen "mehr preußisches Pflichtgefühl gut" tue. Pflichtgefühl lasse sich mißbrauchen, aber die Köpfe des Widerstandes gegen Hitler hätten die Gefahr falsch verstandener Pflichterfüllung erkannt; die Rückbindung an das Gewissen sei immer erforderlich. Preußen sei immer mehr gewesen als "Kasernenhof, Wilhelminismus und Junkertum". Es gebe Traditionslinien und Einstellungen, "die es lohnt, beleuchtet und wiederentdeckt zu werden".

          Fünfunddreißig Autoren aus dem In- und Ausland haben sich auf Entdeckungsreise gemacht - von Eberhard Diepgen über Bronislaw Geremek, John C. Kornblum, Lothar de Maizière sowie Wilhelm Karl Prinz von Preußen und Michael Prinz von Preußen bis Hans-Jochen Vogel. Richard von Weizsäcker, Schwabe von Geburt, aber Hauptmann während des "Dritten Reiches" im Infanterieregiment 9 in Potsdam und an der Ostfront, nimmt Preußen unter expräsidialen Schutz. Über Preußens Auflösung durch den Beschluß des Alliierten Kontrollrates vom 25. Februar 1947 stellt er fest: "Es war Preußen, das man treffen wollte, weil man ihm das ganze Unglück des Jahrhunderts zuschrieb. Das war freilich eine arge Vergewaltigung der Geschichte."

          Hart geht der Bundespräsident der Jahre 1984 bis 1994 mit den alliierten "Friedensmachern" von 1919 ins Gericht. Seine scharfe Kritik des Versailler Vertrages erinnert an den Weizsäcker-Vater Ernst, der von 1938 bis 1943 Staatssekretär des Auswärtigen Amts war: "Die Kapitulation von 1918 war eine schwere und doch im Lichte der Tradition eine verantwortungsbewußte Tat. Aber nun, da Deutschland sich in das Geschick fügte, verloren die Gegner jedes Maß. Man setzte Deutschland das Kainsmal der alleinigen Kriegsschuld auf die Stirn, verurteilte es in Grund und Boden und demütigte es, wo und wie man nur konnte." Drachenzähne seien damals gesät worden, "die furchtbar aufgehen sollten. Das politische Klima der jungen Weimarer Republik war von Anfang an vergiftet."

          In der höchsten Führungsschicht der Nationalsozialisten habe es kaum Preußen gegeben: "Unter denen, die um ihres Gewissens willen Widerstand gegen Hitler geleistet haben und hingerichtet wurden, stammten die meisten aus Preußen. Diese Haltung ist es, die die deutsche Geschichte ehrt und uns verpflichtet."

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