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Rezension: Sachbuch : Pflasterstrand am Main

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Wolfgang Kraushaar: Fischer in Frankfurt. Karriere eines Außenseiters. Hamburger Edition, Hamburg 2001. 256 Seiten, 36,- Mark.Die Aufregung um Joschka Fischers Werdegang vom Straßenkämpfer zum Vizekanzler ist längst wieder abgeflaut, die deutsche Politik befaßt sich wieder mit wichtigeren Themen: ...

          Wolfgang Kraushaar: Fischer in Frankfurt. Karriere eines Außenseiters. Hamburger Edition, Hamburg 2001. 256 Seiten, 36,- Mark.

          Die Aufregung um Joschka Fischers Werdegang vom Straßenkämpfer zum Vizekanzler ist längst wieder abgeflaut, die deutsche Politik befaßt sich wieder mit wichtigeren Themen: keine schlechte Voraussetzung für eine ruhige und sachliche Analyse dessen, was diese "Karriere eines Außenseiters" bestimmt haben mochte. Nach Gerd Koenen, der die siebziger Jahre als "rotes Jahrzehnt" porträtiert hat (F.A.Z. vom 2. Juli 2001), nimmt sich nun Wolfgang Kraushaar jener verworrenen Zeit an.

          Kraushaar, als Kenner von "1968" und der Folgen bestens ausgewiesen, erzählt die Geschichte einer politischen Konversion, in deren Verlauf der Frankfurter Sponti seine Lederjacke an den Haken hängte und gegen den Dreiteiler des Staatsmannes eintauschte. Begonnen hat Fischer seine Karriere als gesellschaftlicher Außenseiter, wie manche andere Köpfe der Revolte auch, besonders aber wie Daniel Cohn-Bendit, der als deutscher Jude die Studenten im Pariser Mai auf die Barrikaden führte. Aus "Dany le rouge" wurde - auch dies eine Konversion - "Dany le vert", der seinem Freund Fischer stets einen Schritt voraus war und ohne den, so Kraushaar, Fischers Weg anders verlaufen wäre.

          Nachdem die kommunistisch inspirierten Projekte der Agitationsarbeit in Betrieben und der im Zeichen des Antikapitalismus stehenden Häuserkämpfe im Frankfurter Westend - ihre Darstellung zählt zu den gelungensten Passagen des Buches - an ihre Grenzen gestoßen waren, stürzte dies die Linke in eine Sinnkrise, die auch Fischer erlebte. Als einer der ersten formulierte schließlich Cohn-Bendit ein neues politisches Selbstbewußtsein. Er wurde zum "Urvater der Spontis", indem er das neue Leitbild einer hedonistischen, das Sinnliche betonenden Linken entwarf, die mit dem asketischen Arbeitsethos, wie es die K-Gruppen programmatisch akzentuierten, nichts mehr zu tun hatte. In der von Cohn-Bendit gegründeten Zeitschrift "Pflasterstrand" fanden die Diskussionen über alternative Lebensformen ein Forum, und sie war das Sprachrohr der linken "Realos", zu deren Kopf Joschka Fischer wurde. Nicht nur die Erfahrung des Scheiterns großer Pläne bewirkte seine und anderer Abkehr von den ideologischen Verstocktheiten, welche bei aller Differenz sämtliche K-Gruppen bis zu ihrem Ende prägten, sondern vor allem die übersteigerte Gewaltsamkeit der politischen Auseinandersetzungen während der zweiten Hälfte der siebziger Jahre.

          Wie man aus der Not des Scheiterns die Tugend neuer politischer Entwürfe, besonders der Realpolitik, macht, hatte ein Jahrhundert zuvor ein anderer bereits vorexerziert: Ludwig August von Rochau. Nachdem er sich als Burschenschafter im Frühjahr 1833 am Sturm der Frankfurter Hauptwache beteiligt hatte und dafür zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt worden war, konnte er nach Frankreich fliehen. Mit seinem Traktat über die "Grundsätze der Realpolitik" von 1853 wurde er zum Stichwortgeber eines neuen politischen Denkens.

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