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Rezension: Sachbuch : Pappnasen an der Spree

  • Aktualisiert am

Selbstgerechtigkeit, Bedrohungswahn und andere deutsche Obsessionen

          Götz Aly: Macht Geist Wahn. Kontinuitäten deutschen Denkens. Argon Verlag, Berlin 1997. 220 Seiten, 39,80 Mark.

          Die Berliner Polizei gab jüngst eine Liste gefährlicher Orte in der Hauptstadt bekannt. Ausländische Banden sollen demnach einige Quartiere unter sich aufgeteilt und mit mafiosen Strukturen durchsetzt haben. Einem Sprecher der Polizeigewerkschaft schwanten schon New Yorker Verhältnisse: Deutsche Ordnungshüter müßten bald einige Stadtviertel sich selbst überlassen, weil dort permanent mit Übergriffen gewaltbereiter inländerfeindlicher Ausländer zu rechnen sei. Die Berliner Wirklichkeit ist von derartiger Gewerkschaftsutopie glücklicherweise meilenweit entfernt, doch seit kein Schutzwall mehr die Stadt umgibt, ist vieles offen.

          Ausländern, die sich in Deutschland aufhalten oder einmal besuchsweise vorbeikommen möchten, bietet eine Essaysammlung des Berliner Historikers und Publizisten Götz Aly mancherlei Aufschlüsse über deutsches Wesen und nebenbei Handreichungen für den Reiseplan durch die Bundesrepublik. Der Autor befaßt sich im wesentlichen mit den finsteren Kapiteln der jüngeren und jüngsten deutschen Geschichte und weist dabei auf Kontinuitäten hin.

          Das Buch beginnt mit einer Gerichtsreportage zum Prozeß gegen DDR-Staatssicherheitsminister Erich Mielke, der wegen Polizistenmordes im Jahre 1931 verurteilt wurde; es endet mit einer Reflexion über das in Berlin geplante Holocaust-Mahnmal. Dieses Mahnmal müsse sich gegen volkspädagogische Routine und "geschichtliche Aufarbeitung" sperren, schlägt Aly vor, es sollte in erster Linie zum Fragen nötigen. Dazu bedarf es keiner Monumentalität.

          Unter der Überschrift "Willige Historiker" werden in einem Kapitel verschüttete Traditionen der deutschen Sozialgeschichtsschreibung aufgesucht. Theodor Schieder, 1967 bis 1972 Vorsitzender des Verbandes der Historiker Deutschlands, und sein Nachfolger Werner Conze hatten sich als junge Wissenschaftler mit der "völkischen Sozialentwicklung" in den Ostgebieten befaßt und wissenschaftliche Überlegungen über deren "Entjudung" angestellt. Bis in die jüngste Zeit, kritisierte Aly, hätten sich deutsche Großhistoriker mit der eigenen Zunftgeschichte allenfalls zurückhaltend auseinandergesetzt. Andere Eliten des Nationalsozialismus wurden hingegen mit geschärftem Blick betrachtet.

          Engagierte und wohlmeinende Leute, schreibt er an anderer Stelle, halten "ein Perpetuum mobile von Aufträgen, Projekten und Projektchen, Zeit- und ABM-Stellen, Symposien und Vortragsreihen - von pädagogisierender Geschichtsschreibung und geschichtsfixierter Pädagogik" in Gang. Heraus kommen dabei "Fast-food-Produkte, die der deutsche Zeitgeschichtsbetrieb unermüdlich produziert", der schnell zusammengestellte Sammelband von der letzten Tagung oder der Begleitband zur Ausstellung. Wobei es unerläßlich ist, auf der "richtigen" Seite zu stehen.

          Andreas Hillgruber stand 1986 im "Historikerstreit" auf der falschen Seite. Obwohl sein Gesamtwerk mehr zum Verstehen nationalsozialistischer Politik und der Kriegsstrategie Hitlers beigetragen hat als das manch anderer Streitbeteiligter, wurde dieser Historiker auf eine Weise öffentlich und schulbuchgemäß erledigt, daß noch heute in universitären Fachseminaren ganz ungeniert von "Hillgruber und Konsorten" gesprochen wird.

          Eine der Kontinuitäten, von denen Alys Buch handelt, ist die Selbstgerechtigkeit. Eine andere deutsche Obsession, der Bedrohungswahn, äußert sich zuweilen dergestalt, daß in nahezu ausschließlich von deutschen Menschen besiedelten Gebieten eine panische Überfremdungsangst Platz greift. Der Autor erörtert in diesem Zusammenhang die regionalen Gefahrenrelationen für ausländische Gäste. Demnach liegt die Wahrscheinlichkeit, von geistlosen Einheimischen angefallen zu werden, in Leipzig um das Dreißigfache höher als in Hannover. Rostock aufzusuchen ist für Ausländer sogar hundertmal gefährlicher als München.

          Gestützt auf den Verfassungsschutzbericht von 1993 konstatiert Aly ein erhebliches Nord-Süd-Gefälle der gesamtdeutschen Fremdenfeindlichkeit. In Schleswig-Holstein erfolgten, bezogen auf 100000 Einwohner, mehr als viermal so viele Übergriffe gegen Ausländer wie in Bayern. Da in Bayern die Ausländerquote aber um das Doppelte höher liegt als in Schleswig-Holstein, bestehe eine tatsächliche Gefährdungsrelation von 8:1. Die "kosmopolitisch-amerikanisierten Stadtstaaten" haben sich bislang trotz ihres hohen Ausländeranteils offenbar ebenso wie das bayerische Land, "wo der Konservativismus traditionell stark ist" und die Differenz zwischen den Reden an Stamm- und Kabinettstischen geringer als anderso, als relativ fremdenfreundlich erwiesen. Götz Aly führt das für Bayern auf den Katholizismus und die ihm innewohnende Differenz zwischen Staat und Gesellschaft zurück. Der katholische Süden leiste sich eine fast italienische Autonomie der Gesellschaft gegenüber seinen Regierenden.

          In der Hochburg der Autonomen hingegen, im kosmopolitisch-amerikanisierten Teil der deutschen Hauptstadt, zieht es eine wachsende Zahl deutschstämmiger Einwohner, Hugenotten eingerechnet, in randstädtische Doppelhaushälften. Doch mit dem Zuzug von Bonner Beamten wird sowohl der Inländerabfluß ausgeglichen als auch das katholische Element gestärkt, was die Angelegenheit, folgt man Götz Alys Argumentation, für Ausländer erträglich machen müßte. Zur Entkrampfung wird darüber hinaus sicherlich beitragen, daß mit den neurheinischen Mitbürgern auch die Pappnase in der Hauptstadt heimisch wird. Dank des Rosenmontagsbrauches kann sich die Berliner Begeisterung für uniforme Umzüge aller Art - von der Love Parade im Sommer bis zum Großen Zapfenstreich im Herbst - dann schon zu Jahresbeginn an einem weiteren multikulturellen Spektakel ergötzen. JOCHEN STAADT

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