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Rezension: Sachbuch : Ostlungen, Westzungen

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Geteiltes Deutsch im vereinigten Deutschland

          Ruth Reiher, Rüdiger Läzer (Herausgeber): Von "Buschzulage" und "Ossinachweis". Ost-West-Deutsch in der Diskussion. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 1996. 320 Seiten, 17,90 Mark.

          Ost- und Westdeutsche leben in zwei getrennten Welten. Diese Ansicht vertrat kürzlich das Institut für Demoskopie in Allensbach aufgrund jüngster Meinungsumfragen. Obgleich sich die Lebensverhältnisse in den letzten sechs Jahren ausgeglichen hätten, unterschieden sich Geistes-wie Gemütsart weiterhin grundlegend.

          Für viele Altbundesbürger liegt der Nahe Osten noch immer nicht in Vorderasien, sondern jenseits der Elbe, und manch Ost-Berliner fühlt sich in Kreuzberg genauso heimisch wie auf den Golanhöhen. Zwar behauptet die Mehrheit der Berliner tapfer, auch im anderen Teil der Stadt wohnen zu können, spätestens nachts aber ist jeder wieder gern zu Haus. Nur ein Prozent der Berliner hat sich nach der Vereinigung jenseits der alten Sektorengrenze niedergelassen. Der Rest bleibt in seinem Kiez. Viele heiraten am liebsten auch dort. Kaum vier Prozent wagen die Ehe mit "denen von drüben". Da hilft selbst die äußere Anpassung nichts. Ost-und Westdeutsche erkennen sich - allerdings erst, wenn sie den Mund aufmachen.

          Vierzehn Linguisten und ein Übersetzer haben sich im Land umgehört und untersucht, was den Deutschen über die Lippen geht. Das Ergebnis ihrer Studie stützt den Befund der Meinungsforscher: Ein Graben zieht sich von der Lübecker Bucht entlang der Magdeburger Börde bis nahe dem Frankenwald, eine Mulde, die sich zu schließen beginnt, an manchen Stellen jedoch bewußt offengehalten wird. Zwar hätten die Deutschen Sprachschatz wie Redeweise in den letzten sechs Jahren angeglichen, Eigenarten aber nicht abgelegt, Klischees verfestigt und Spitzen gegen die Landsleute dies- wie jenseits der Elbe bewahrt. Für lange Zeit werde der alte Bundesbürger der "Besserwessi", ein Aufschneider und Maulheld bleiben, weissagt Ruth Reiher in ihrem Beitrag über deutsch-deutsche Sprachvorurteile. "Ossi" hingegen ist noch immer nicht die Koseform von Oswald, eher die Variante von Zonendödel, dem tumben Tor aus "Datschenland" mit sächsisch gefärbter Sprechweise oder schleppendem Thüringer Tonfall.

          Oftmals bemerkten die Westdeutschen die eigene Häme nicht einmal, stellt Undine Kramer nach der Analyse sprachlicher Ausrutscher fest und kreidet vor allem den Medien eine teils unbedachte, teils bewußte Westlastigkeit an. Selbst im siebten Jahr der Einheit lese man regelmäßig von "Buschgeld" oder "Ekelzulage", wenn es um Gehaltszuschüsse geht, die Fachkräfte aus Bayern, Baden oder Niedersachsen für ihre Arbeit in Neufünfland bekämen. Solche und ähnliche Nachlässigkeiten - etwa das Beiwort "ostdeutsch" - hielten viele ehemalige DDR-Bürger vom Kauf westlicher Zeitungen ab.

          Die alten Bundesbürger haben eben immer noch nicht gelernt, ihren Redefluß den ostdeutschen Befindlichkeiten anzupassen - ein Versäumnis, das sich auch bei den Parteien bemerkbar macht. Folgt man Ruth Geier, hätten sich Christ- und Sozialdemokraten sprachlich kaum auf die Ostdeutschen zubewegt. In ihren Sendungen zur letzten Bundestagswahl lebten und sprächen noch immer Wesen, die längst ausgestorben seien: Zonen-Ingrid auf ihrem ersten Flug nach Mallorca, Ost-Harald nach dem Kauf seines gebrauchten Audis.

          Union und SPD sollten genauer auf die kommerzielle Werbung achten, rät Rüdiger Läzer. Er hat die Reklame in Ost und West analysiert und herausgefunden, daß sich viele Marketingstrategien im Umgang mit der Ostseele besonders sensibel zeigten. Annoncen und Werbeplakate in den neuen Bundesländern seien meist argumentativer als in den alten. Darüber hinaus vermittelten sie Lokalkolorit und bemühten sich, Westwaren verosten zu lassen, wie bei Dr. Best, der "die wahrscheinlich beste Zahnbürste der Welt jetzt auch in Sachsen produziert".

          Waren aus der ehemaligen DDR fänden reißenden Absatz, wenn die Reklame an alte Zeiten erinnere, Ostkunden anspräche und westdeutsche Landsleute verballhorne, etwa "Cabinet. Starker Tobak aus Dresden. Für Westlungen jetzt auch light." Politiker freilich können derartiges nur begrenzt nachahmen. Sprache entstammt einer bestimmten Sozialisation. Die aber läßt sich nicht mehr ändern. Erst die Generationen, die im vereinten Deutschland heranwachsen, werden zu einer gemeinsamen Sprache finden. Bis dahin sollten West- und Ostdeutsche über syntaktische Stolpersteine hinwegsehen, unterschiedliches Sprachverhalten zur Kenntnis nehmen, Ausrutscher verzeihen und sich ähnlich gelassen zeigen wie mancher Berliner: Ick liebe dir? Ick liebe dich? Wie't richtich is, ick weeßet nich. JACQUES SCHUSTER

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