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Rezension: Sachbuch : Organisationstalent

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TREBLINKA. War er ein Mörder? Wahrscheinlich. Sicher war er ein Folterknecht, ein Hochstapler und ein Betrüger. Als Günter Reinemer wurde er 1918 in Dresden geboren und starb 1988 als Georg Wagner in Caracas. Der gelernte Tischler bewachte seit Mai 1936 als SS-Mann das KZ Lichtenburg, in dem Willkür, Prügel und Mord an der Tagesordnung waren.

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          TREBLINKA. War er ein Mörder? Wahrscheinlich. Sicher war er ein Folterknecht, ein Hochstapler und ein Betrüger. Als Günter Reinemer wurde er 1918 in Dresden geboren und starb 1988 als Georg Wagner in Caracas. Der gelernte Tischler bewachte seit Mai 1936 als SS-Mann das KZ Lichtenburg, in dem Willkür, Prügel und Mord an der Tagesordnung waren. Unehrenhaft entlassen, fand Reinemer in der sächsischen Provinz Arbeit. 1941 wurde er Soldat und bald durch eine Verwundung untauglich. Wieder bei der SS, bewachte er das Arbeitslager Treblinka I. Er beteiligte sich an der Niederschlagung des Aufstandes im Vernichtungslager Treblinka II im August 1943 und an der anschließenden Ermordung der Überlebenden. 1945 geriet er in amerikanische Gefangenschaft und horchte als Spitzel der Sieger Kriegsgefangene aus. Aus Günter Reinemer wurde damals Hans Georg Wagner aus Breslau. 1948 verschlug es ihn nach Frankreich. Reinemer/Wagner muß eine gute Auffassungsgabe und Organisationstalent besessen haben, denn nie traten Zweifel an seiner fachlichen Qualifikation auf. Er war Luftfahrtingenieur in Paris und Berlin, 1953 bis 1957 Kraftwerksingenieur bei Halle an der Saale. Wieder im Westen leitete der Hochstapler und Bigamist unter anderem den Aufbau eines Stahlwerkes in Belgien. 1973 wechselte er seinen Wirkungskreis. Er gab sich als Jude aus, lernte in Israel eine vermögende venezolanische Jüdin polnischer Herkunft kennen und folgte ihr nach Caracas. Dort etablierte er sich als Unternehmensberater. Seine Hochstapeleien wurden so dreist, daß er die Aufmerksamkeit einer deutschen Wirtschaftsdetektei erregte. 1988 trieben ihn deutsche Ermittler derart in die Enge, daß er seine Lebensgeschichte preisgab. Egmont R. Koch hat die Spuren zusammengetragen: eine kriminelle Karriere - begünstigt durch ein kriminelles Regime. Die Schicksale derjenigen NS-Täter, die sich ihrer Verantwortung entziehen wollten, sind vielfältig: Klaus Barbie wurde Berater eines drittrangigen Diktators; Hauptsturmführer Hans Schneider erkämpfte sich als Hans Schwerte einen Platz in der deutschen Wissenschaft. Wie viele blieben unentdeckt? (Egmont R. Koch: Wagners Geständnis. Wie sich ein SS-Mann als Jude tarnte. Verlag C. Bertelsmann, München 2001. 382 Seiten, 24,- Euro.)

          KLAUS A. LANKHEIT

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