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Rezension: Sachbuch : Opfer zweiter Klasse

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          BUCHENWALD. Die DDR gedachte ihrer nur unter Vorbehalt. Galten sie doch, anders als die Kommunisten, nicht als wahre Kämpfer gegen den Faschismus, erst recht nicht, wenn sie sich vor 1933 gegen die "Einheitsfront" der Arbeiterbewegung ausgesprochen hatten und nach dem Krieg in der Bundesrepublik politisch hervortraten. Die Sozialdemokraten in Buchenwald wurden bis auf wenige Ausnahmen in der Erinnerungskultur der KZ-Gedenkstätte als Opfer zweiter Klasse behandelt. Dies wirkt bis heute nach. Über die politischen Häftlinge aus den Reihen der Sozialdemokratie wußte man bisher wenig. Wolfgang Röll hat ihrem Schicksal endlich ein Gesicht gegeben - einmal durch zahlreiche Fotodokumente, zum anderen in den immer wieder in die Darstellung eingeflochtenen persönlichen Leidensgeschichten sowie den zahlreichen Kurzbiographien im Anhang. Da war etwa Ernst Heilmann, Vorsitzender der SPD-Fraktion im Preußischen Landtag, einer der fähigsten Parlamentarier der Weimarer Demokratie, dazu ein Patriot, Freiwilliger und Versehrter des Ersten Weltkriegs. Als Sozialdemokrat und Jude wurde er doppelt geschunden, gebrochen und schließlich am 3. April 1940 im berüchtigten Bunker des Konzentrationslagers von der SS ermordet. Oder Kurt Adams, Abgeordneter der Hamburger Bürgerschaft und Direktor der Volkshochschule, der sich seit 1933 mühsam mit Botendiensten über Wasser halten mußte. Nach dem 20. Juli 1944 im Rahmen der Aktion "Gitter" verhaftet und nach Buchenwald deportiert, kam er in die kalten Holzbaracken des "Kleinen Lagers", erkrankte, siechte dahin und verstarb. Andere dagegen hatten eine kräftigere Konstitution, fanden im Arbeitseinsatz ihre Nischen und überlebten. Von den 104 sozialdemokratischen Häftlingen, die Röll erfaßt hat, überstanden immerhin 93 die Torturen und primitiven Bedingungen ihrer Haft in Buchenwald. Es ist bedauerlich, daß der Autor nicht stärker versucht hat, das Schicksal dieser Opfergruppe in das Umfeld von Verfolgung, Terror und Widerstand einzuordnen. Wo die exemplarischen Biographien verlassen werden, wird die Darstellung recht blaß. Dennoch, wer sich über die sozialdemokratischen Insassen des Konzentrationslagers Buchenwald informieren möchte, hat nun endlich ein solides Hilfsmittel zur Hand. (Wolfgang Röll: Sozialdemokraten im Konzentrationslager Buchenwald 1937-1945. Unter Einbeziehung biographischer Skizzen. Herausgegeben von der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Wallstein Verlag, Göttingen 2000, 357 Seiten, 48,- Mark.)

          JOHANNES HÜRTER

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