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Rezension: Sachbuch : Opfer und Akteure

  • Aktualisiert am

Eine Untersuchung über den Antisemitismus in der frühen Sowjetunion

          Matthias Vetter: Antisemiten und Bolschewiki. Zum Verhältnis von Sowjetsystem und Judenfeindschaft 1917-1939. Dokumente, Texte, Materialien, Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, Band 17. Metropol Verlag, Berlin 1995. 386 Seiten, 48,- Mark.

          Im Zarenreich waren die Juden eine diskriminierte und benachteiligte Minderheit. Erst mit der Februarrevolution 1917 bekamen sie Bürgerrechte wie alle. Doch einige Monate danach fand der bolschewistische Putsch statt, dem der Bürgerkrieg folgte. Matthias Vetter, ein junger Historiker, hat sich vorgenommen, die neuen Formen des Antisemitismus und den bolschewistischen Kampf gegen ihn vor dem Hintergrund der jüdischen Emanzipation in der frühen Sowjetunion (1917 bis 1939) zu erforschen. Vetter analysiert die im Zusammenhang mit den anti-antisemitischen Kampagnen der Bolschewiki publizierten Artikel und Bücher sowie Protokolle der ZK-Sitzungen und städtischen Parteiorganisationen, die sich mit dem nachrevolutionären russischen Antisemitismus auseinandersetzten. Besondere Aufmerksamkeit gilt auch den Schauprozessen und juristischen Verfahren gegen Antisemiten. Daß nicht die nun zugänglichen sowjetischen Archivquellen zum Schwerpunkt der Studie gemacht wurden, erklärt Vetter mit dem Fehlen wesentlich neuer Funde in den von ihm untersuchten russischen Beständen. Aber auch gedruckte Quellen enthalten genug Stoff, um den Umgang der Bolschewiki mit dem sozialen Sprengstoff "Antisemitismus" zu veranschaulichen.

          Die Juden wurden zum Opfer des Zusammenbruchs des russischen Imperiums. Zugleich fand eine rasche jüdische Emanzipation statt; ohne deren dramatische Dialektik, die man als den sozialen Durchbruch ehemaliger Ausgestoßener zur gesellschaftlichen Elite unter den Bedingungen der Pogromgewalt des Bürgerkriegs auffassen könnte, ist die Rolle der Juden in der früheren Sowjetunion nur unzureichend zu verstehen. Man könnte sogar über eine entscheidende Wende sprechen, in der Juden aus einem Objekt und Opfer der russischen Geschichte zu deren Subjekt wurden. Kein Wunder, daß sich schon während des Bürgerkriegs und bis in die dreißiger Jahre hinein eine spezifisch sowjetische Form des Antisemitismus entwickelte - neben den tradierten Formen des orthodoxen Judenhasses und des alltäglichen Antisemitismus.

          Für das Verständnis des Sowjetantisemitismus sind die soziale Struktur und der Charakter des Aufstiegs der jüdischen Minderheit wichtig. Nicht nur in der Sowjetunion war die jüdische Emanzipation von Ängsten und Ressentiments begleitet. Sie traten bekanntlich im Begriff einer jüdischen "Überrepräsentation" zutage. Tatsächlich waren Angehörige der zahlenmäßig unbedeutenden jüdischen Minderheit bei bestimmten Berufen relativ überrepräsentiert. Insofern ist es konsequent, daß Vetter sich mit der sozialen Struktur der Juden nach dem Bürgerkrieg beschäftigt, um die Relevanz der anti-antisemitischen Propaganda analysieren zu können. Er macht dabei keine Entdeckungen, die über das hinausgehen, was schon in den Arbeiten von Pinkus, Levin oder Cochan festgestellt worden ist: Die soziale Pyramide des Judentums war eine auf den Kopf gestellte russische. Der Unterschied zur vorrevolutionären Zeit bestehe aber darin, daß sich viele Juden in die wenigen Großstädte begaben, so daß sich ihr Anteil dort rasch vervielfachte. Sie waren großenteils im Handel, in der Administration und im Parteiapparat tätig, in der Arbeiterschaft - besonders in der Schwerindustrie - und unter Bauern dagegen unterrepräsentiert. Dies nährte die alten Vorurteile gegenüber den Juden: Sie scheuten die körperliche Arbeit, seien Spekulanten und kämen durch Beziehungen an die lukrativsten Posten. In der Tat wurde in der Zeit der Neuen Ökonomischen Politik vielen Juden als "Ausbeutern" das Wahlrecht verweigert. Sie wurden von den Bolschewiki als Klassenfeinde stigmatisiert, was wiederum zum Antisemitismus beitrug. Doch mußten alle Versuche, die jüdische soziale Pyramide zu "normalisieren", scheitern. Mehr noch: Es entstand eine Situation, in der die übrige Bevölkerung auf diese gegen den Antisemitismus gerichteten Bemühungen mit Ablehnung reagierte. So folgte der Gründung jüdischer Landkolonien auf der Krim eine antisemitische Welle: Die Bauern fürchteten Konkurrenz, zumal diese Ansiedlung auch von jüdischen Organisationen im Ausland unterstützt wurde. Es hieß, die Juden seien privilegiert. Die Ausschreitungen gegen die jüdischen Siedler führten dazu, daß Birobidshan im Fernen Osten als autonomes jüdisches Gebiet ins Auge gefaßt wurde. Freilich versuchten die Bolschewiki, dem Antisemitismus entgegenzuwirken. Aber ihre aufklärerischen und propagandistischen Maßnahmen waren durch die Ideologie des Klassenkampfes geprägt. "Dem Antisemitismus wird zwar entschieden eine Absage erteilt, zugleich soll er gewissermaßen aufgehoben und in Antikapitalismus verwandelt werden." Er sei zu verurteilen, wenn er sich gegen den "proletarischen" Juden richtet. In der Form des Hasses auf den jüdischen "Kapitalisten" dagegen könne Antisemitismus ein Reservat finden: "Die jüdische Bourgeoisie ist nicht als Juden, sondern als Bourgeois unser Feind."

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