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Rezension: Sachbuch : Opfer und Akteure

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Die Bolschewiki waren auch der Überzeugung, die Wurzeln des Antisemitismus lägen in der Vergangenheit: In der Sowjetunion gebe es keine Gründe für Judenfeindschaft. Die antisemitischen Ausschreitungen oder Beleidigungen seitens der Arbeiter seien dem Einfluß der konterrevolutionären Propaganda getarnter Weißgardisten und Kulaken zuzuschreiben. Insofern müsse die Jagd auf die Antisemiten als Klassenkampf von unten inszeniert werden. In der Situation der permanenten Hexenjagd und der Suche nach Sündenböcken für die katastrophale ökonomische Lage konnte, so Vetter, der mit inquisitorischer Energie geführte Kampf gegen den Antisemitismus auf den Kampf gegen solche Parteimitglieder verlagert werden, die Antisemitismus mangelhaft bekämpft hätten.

Nach 1931 verschwindet dieses Thema aus dem Kanon der politischen Propaganda. Der Verfasser führt das publizistische Desinteresse am Antisemitismus nicht so sehr auf dessen Tabuisierung, sondern darauf zurück, daß die politische Führung eine Normalisierung der Sozialstruktur des Judentums erhoffte. Letzteres kam aber nie zustande. Vetters Fazit: "Antisemitismus ist in den ersten beiden Jahrzehnten der Sowjetgeschichte eng mit der aufholenden Modernisierung durch die Sowjetdiktatur und der besonderen Sozialstruktur der jüdischen Bevölkerung verbunden. Die Bolschewiki eroberten die Macht in einem rückständigen agrarischen Land, in dem die Juden in kleine urbane Inseln einer modernen Lebensweise eingeschlossen waren. Aus der zaristischen Diskriminierung - der Zwangsansiedlung in der Stadt - erwuchs für die Juden nach der Revolution eine oftmals bessere Startchance unter dem neuen Regime als für die große Masse der übrigen Bevölkerung. Diesen konnten die Juden als Profiteure der Veränderungen erscheinen und damit als Sündenböcke für Schwierigkeiten dienen, die die Veränderungen des Alltagslebens mit sich brachten. Mit der Figur des ,Juden' wurde größerer Ehrgeiz, Karriere im Apparat, aber auch Unzuverlässigkeit assoziiert. (. . .) Der Schritt zur Instrumentalisierung solcher Vorurteile in zynische Manipulationen erfolgte erst nach 1939."

Damit setzt der Verfasser die jüdische Emanzipation und ihre Folgen in der Sowjetunion und im Westen gleich. Er unterschätzt die Tatsache, daß der Aufstieg der Juden in die sowjetische Elite in wesentlich anderem Rahmen erfolgte, nämlich unter der Parteidiktatur in den zwanziger und der totalen Herrschaft Anfang der dreißiger Jahre. Die sowjetische Modernisierung brachte nicht bloß Veränderungen und Schwierigkeiten, sondern Zwangsrekrutierung, Enteignung, Massenrepressionen und Hungerkatastrophen mit sich. Eine bessere Startchance bekamen die gebürtigen Einwohner des Schtetl nicht nur wegen ihrer besseren Bildung und der modernen Sozialstruktur, sondern eher deswegen, weil das russische Bürgertum und die traditionelle Bildungsschicht vertrieben, ausgeschaltet oder politisch unterdrückt worden waren. Dieser gewalttätigen Umwälzung und nicht allein der bäuerlichen Rückständigkeit ist der spektakuläre Aufstieg der zum Teil halbgebildeten Modernisierer zuzuschreiben. Die Zugehörigkeit zur Elite des diktatorischen Staates bedeutet aber auch eine Mitverantwortung für die ökonomisch-politische Entwicklung der Sowjetunion in dieser Periode. Somit verläßt Vetter den Rahmen der traditionellen Antisemitismusforschung nicht, die Juden nicht als eigenständige Akteure der Geschichte, sondern nur als deren Opfer versteht. SONJA MARGOLINA

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