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Rezension: Sachbuch : Opfer Hitlers und Stalins

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Nicht frei von Fehlern: Zentrumspolitiker in SPD-Gedenkbuch

          2 Min.

          Der Freiheit verpflichtet. Gedenkbuch der deutschen Sozialdemokratie im 20. Jahrhundert. Herausgegeben vom Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Mit einem Vorwort von Gerhard Schröder. Schüren-Verlag, Marburg 2000. 416 Seiten, 39,80 Mark.

          Eine "Zusammenstellung ermordeter, hingerichteter oder zu Freiheitsstrafen verurteilter deutscher Gegner des Nationalsozialismus" - in London 1946 vom Vorstand der SPD veröffentlicht - nennt 15247 Personen. Dieses hektographierte "Weissbuch" wurde nie systematisch ergänzt. Im geteilten Deutschland pflegte jede Seite das Andenken ihrer Opfer. Verdrängung und Vergessen wirkten als mächtige Grundströmung. Erst 1995 beschloß der SPD-Parteitag in Mannheim auf Vorschlag von Hans-Jochen Vogel, den Männern und Frauen ein Gedenk- und Erinnerungsbuch zu widmen, "die als Sozialdemokraten verfolgt wurden".

          Von den 505 Biographien des Buches sind 402 Opfern des Nationalsozialismus gewidmet, 103 Opfern stalinistischer Verfolgung in der SBZ und der DDR. Fast die Hälfte der hier Porträtierten verloren ihr Leben durch Verfolgung: ermordet, "auf der Flucht erschossen", hingerichtet, gestorben in Lagern und Gefängnissen, in den Gaskammern von Auschwitz. Für das Schicksal der Sozialdemokraten jüdischer Herkunft sei an Heinrich Fulda erinnert, der als 83jähriger deportiert wurde.

          Viele der Überlebenden - von Josef Amann bis Jeannette Wolff - hatten entscheidenden Anteil am Wiederaufbau. Das Buch nennt auch die Unbekannten, wie etwa Anna Kothe - bereits im "Weissbuch" erwähnt -, deren Biographie die Handschrift von Susanne Miller trägt. Für die Dokumentation zeichnet Christl Wickert verantwortlich. Das Exil wurde weitgehend ausgeblendet. Aufgenommen wurden Rudolf Breitscheid, Rudolf Hilferding, Luise Kautsky, Erich Kuttner und andere, nicht aber der langjährige Pressechef der preußischen Staatsregierung, Hans Goslar, 1928 bis 1933 Mitglied der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde Berlin.

          Das Gedenkbuch erfaßt ausschließlich deutsche Sozialdemokraten, einige sudetendeutsche Parlamentarier und den Gründer des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks für Verfolgte des NS-Regimes in Deutschland. Selbst die (wenigen) prominenten Opfer rechtsradikaler Gewalt vor 1933 werden nicht verzeichnet, wohl aber ein in Spanien Gefallener. Bei Adam Remmele fehlt jeder Hinweis auf die weitere politische Biographie des Bruders Hermann und dessen Schicksal als Opfer Stalins.

          Die sozialdemokratische Vita des Reichstagsabgeordneten Theodor Roeingh hat den einen Makel, daß dieser angebliche "Landwirtschaftsexperte der SPD-Fraktion im Preußischen Landtag" als westfälischer Katholik und Zentrumsabgeordneter am 23. März 1933 wie seine Fraktion insgesamt für das "Ermächtigungsgesetz" gestimmt hat. Auch das "Bonner Museum König" (richtig: Koenig) kommt zu Ehren, die es nicht verdient. Das Grundgesetz wurde hier nicht "ausgearbeitet und verabschiedet". Im Museum Koenig fand der Festakt bei der Eröffnung des Parlamentarischen Rates statt, der sich anschließend in der Aula der Pädagogischen Akademie konstituierte.

          MARTIN SCHUMACHER

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