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Rezension: Sachbuch : Ohne Pathos

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          WIDERSTAND. Jörgen Mogensen war von 1941 bis 1944 dänischer Vizekonsul in Danzig, zugleich aber auch Mitglied der polnischen Widerstandsbewegung "Der pommersche Greif". Zusammen mit anderen Mitgliedern der Gruppe plante er kleinere Sabotageakte gegen die Nationalsozialisten; er führte sie auch aus. Über einen speziellen Code auf einer BBC-Hörfunkfrequenz waren die Saboteure mit der polnischen Exilregierung in London verbunden. Dieser Kontakt flog auf: 1944 verhaftete die Gestapo Mogensen. Nach monatelangen Verhören wurde er Ende 1944 in das Konzentrationslager Flossenbürg an der böhmischen Grenze verschleppt. Dort kamen im Laufe des ausgehenden Jahres 136 zum Teil hochrangige Personen zusammen - unter ihnen der deutsche Pastor Martin Niemöller, der Premierminister von Frankreich Blum und der österreichische Bundeskanzler von Schuschnigg mit seiner Frau und seiner Tochter. Sie waren aus Deutschlands überfüllten Gefängnissen und Lagern ausgewählt und zu einer allmählich wachsenden internationalen Gruppe von Geiseln zusammengestellt worden. Mogensen beschreibt in seinem Augenzeugenbericht die unfreiwillige Reise der Häftlinge von Flossenbürg über die Konzentrationslager Dachau und Innsbruck nach Niederdorf in den Südtiroler Dolomiten. Dort sollten sie in sicheren Stellungen untergebracht werden, bevor über ihr endgültiges Schicksal entschieden würde. Am 3. Mai 1945 befreiten amerikanische Soldaten diese Gefangenen dann in einem Hotel in den Dolomiten. Mogensen ist kein Schriftsteller; auf den wenigen Seiten seines Erfahrungsberichtes ist das aber kein Nachteil: Er beschreibt, nüchtern und ohne Pathos, was er und seine Mithäftlinge durchleiden mußten. Die Hinrichtungen durch Genickschüsse oder den Strang, die im KZ Flossenbürg stattfanden, gehören für ihn ebenso zum täglichen Geschehen wie die dünne Suppe aus Kürbisschalen, das Lagerbrot aus Kastanienmehl oder die Turnübungen. Mogensen, der genau wie alle anderen hungert, friert und in ständiger Todesangst lebt, verliert nie seinen Optimismus. Die furchtbare Mischung aus Hoffnung und Todesangst schildert Mogensen meist innert weniger Zeilen: Wo es eben noch um eine Partie Klopfschach mit dem Zellennachbarn ging, ist wenig später die Hinrichtung eines Kindes beschrieben. Nach dem Zweiten Weltkrieg vertrat Jörgen Mogensen sein Land als Konsul wieder in Polen und später unter anderem in Südafrika, Australien und den Vereinigten Staaten. (Jörgen L. F. Mogensen: Die große Geiselnahme. Letzter Akt 1945. Polnisch-Skandinavisches Forschungsinstitut, Kopenhagen 1997. 88 Seiten, 20,- Mark.)

          FRANK HEIKE

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