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Rezension: Sachbuch : Örtchentermin

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          1 Min.

          Der Journalist Gerd Lotze sorgt sich um seinen Berufsstand. In seinem Buch über den SPD-Politiker Karl Wienand klagt er über "junge Journalisten, die den investigativen Journalismus auf den Gang in die Archive beschränken". Ihn selbst hat es bei seinen Recherchen an einen anderen, bislang in seinem Erkenntniswert unterschätzten Ort verschlagen. Er hat im Gebäude des Oberlandesgerichts Düsseldorf, vor dessen 4. Strafsenat sich Wienand seit dem vergangenen Jahr wegen des Vorwurfs der Spionage für die DDR verantworten muß, aufschlußreiche Beobachtungen gemacht: "Die Presse verfügt über ausreichende Arbeitsräume, einfache Holztische mit ebenso einfachen Stühlen, Telefone, zwei Schreibmaschinen. In der Luft hängt der Geruch kalten Zigarettenrauchs und parfümierter Putzmittel. Vor den Fenstern, die zur ebenen Erde führen - dicke Gitterstäbe außen, innen verstaubte Fetzen von Spinnweben -, liegen zwei tote Fliegen auf dem Rücken, als seien sie beim Beten gestorben. Den Toiletten ist ihre häufige Benutzung anzusehen: Im Porzellanbecken haben sich Streifen und ein bräunlich-gelber Kalksteinring festgesetzt, an der beigefarbenen Wand gesprenkelte dunkle Spritzflecken." Diese Detailtreue kann Lotze, der unter anderem als Hörfunkreporter für den Südwestfunk in den Vereinigten Staaten gearbeitet hat, zwar nicht immer durchhalten; so macht er einen Vorsitzenden Richter am Oberlandesgericht zum Staatsanwalt. Doch dafür muß sich der Leser nicht groß den Kopf über die schwierige Beweislage im Fall Wienand zerbrechen, sondern erfährt kurz und knapp, was Lotze von der Anklage gegen den SPD-Politiker, einst Vertrauter des Fraktionsvorsitzenden Wehner, hält: "Was hier Generalbundesanwalt Kay Nehm mit seinem guten Namen unterschrieb, ist blanker Unsinn." Hier gesprenkelte dunkle Spritzflecken, dort blanker Unsinn - das Los des investigativen Journalisten ist hart. Zumal wenn er sich auch noch als Geschichtsphilosoph bewähren will. Wienand, von dessen Unschuld sich Lotze überzeugt zeigt, obwohl die Beweisaufnahme im Prozeß noch gar nicht abgeschlossen ist, werde in der Geschichte "irgendwo und irgendwie" seinen Platz finden, schreibt er: "Denn die Geschichte kennt keine Schlußkapitel." Lotze hat sein Örtchen in der Geschichte des Journalismus schon gefunden. (Gerd Lotze: Karl Wienand. Der Drahtzieher. vgs Verlagsgesellschaft, Köln 1995. 208 Seiten, 32,- Mark) ff.

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