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Rezension: Sachbuch : Öl und Feuer

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          1 Min.

          UMWELT. Als im November 1995 der nigerianische Bürgerrechtler Ken Saro-Wiwa nach einem unfairen Prozeß von Militärs gehenkt wurde, gab es in Europa Demonstrationen gegen das nigerianische Militärregime. Daraus wurde bald eine Kampagne gegen den Ölkonzern Shell. Kommunikationswissenschaftler der Technischen Universität Dresden haben nun untersucht, warum sich die Anti-Nigeria-Medienkampagne in Deutschland seither ausschließlich gegen Shell und die von diesem Konzern angeblich in Nigeria verursachte Umweltverschmutzung richtete. Das Forschungsprojekt wurde von der Shell AG finanziell unterstützt - allfälligen Vorwürfen begegnen die Autoren, indem sie größten Wert auf die Wissenschaftlichkeit und die Transparenz ihrer Methoden legen. Viertausend Beiträge in 281 verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften zum Thema Shell/Nigeria und darin enthaltene 25000 wertende Aussagen wurden von ihnen verschlüsselt und anschließend ausgewertet. Das hat der Lesbarkeit der Studie aber kaum geschadet. Das Ergebnis der Untersuchung ist niederschmetternd: "Publizistisch wurde das Thema . . . durch sogenannte mediatisierte Ereignisse in Gang gehalten: Pressekonferenzen, Demonstrationen, Besetzungen oder andere Aktionen, die man speziell für die Medienaufmerksamkeit inszenierte. Genuine Ereignisse, die es auch ohne Medienberichterstattung gegeben hätte, waren rar." Die Wissenschaftler bezichtigen die Mehrheit der deutschen Journalisten in diesem Zusammenhang schlampiger Recherchen: "Die deutschen Journalisten ließen sich darauf ein und berichteten mehr oder weniger ungeprüft die Anschuldigungen und Forderungen, die auf diesen Events formuliert wurden. . . . Die Fokussierung auf die Ölkonzerne und dabei wiederum fast ausschließlich auf Shell war nicht in erster Linie die Sache der betroffenen Nigerianer . . . , sondern von deutschen NGOs und den Bündnisgrünen." Die Dresdner Wissenschaftler Donsbach und Gattwinkel konstatieren in diesem Zusammenhang weithin unkritische Vorverurteilungen der Shell AG und bezichtigen die Journalisten daher, zusätzlich "Öl ins Feuer" einer unseriösen Kampagne gegossen zu haben. Für Donsbach sind die Ergebnisse "Anschauungsmaterial dafür, wie man mit publizistischen Kampagnen ein Unternehmen in einen Skandal hineinziehen kann". (Wolfgang Donsbach, Dietmar Gattwinkel: Öl ins Feuer. Die publizistische Inszenierung des Skandals um die Rolle der Ölkonzerne in Nigeria. Dresdner Reihe Medien und Öffentlichkeit, Band 1. Dresden University Press, Dresden 1998. 174 Seiten, zahlreiche Abbildungen und Tabellen, 29,80 Mark.)ulf.

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