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Rezension: Sachbuch : Ödipus-Drama

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Noch eine Rosa-Luxemburg-Biographie

          2 Min.

          Annelies Laschitza: Im Lebensrausch, trotz alledem. Rosa Luxemburg. Eine Biographie. Aufbau-Verlag, Berlin 1996. 687 Seiten, 44 Abbildungen, 68,- Mark.

          Die Karlshorsterin Annelies Laschitza ist hauptsächlich als Mitherausgeberin von insgesamt 2700 Briefen Rosa Luxemburgs bekannt geworden. 613 hiervon gingen an Konstantin Zetkin, manche verhüllt bis zum Niederreißen der Mauer des Totschweigens von Details ihrer Beziehung zum Sohn der befreundeten Genossin. Die "neue Biographie", das "hier vorgelegte neue Lebensbild", beschränkt sich, was größere und kleinere Amouren angeht, auf kurze Sachangaben. Für monographische Taschenbücher mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten reichte das. "Es war dies der erste Brief an Clara Zetkins jüngeren Sohn und der einzige, in dem sie ihn mit ,Sie' ansprach . . . Ende des Jahres 1906 (November) begann sich zu ihm ein Liebesverhältnis anzubahnen." Weniger karg ging's nicht.

          Luxemburg-Monumentalbiograph Peter Nettl ist Laschitzas Antipode. Humorvoll, ironisch, selbstkritisch wirft er sich Ehrgeiz und Redseligkeit vor. Als herausragende Helfer rühmt er Dr. Felixs Tych, den Historiker des polnischen Sozialismus, und Rosi Wolfstein-Frölich, Witwe des gleichfalls glanzvollen Zeitzeugen, der 1936, als er in der Pariser Zweigstelle des Internationalen Instituts für Sozialgeschichte "Rosa Luxemburg. Her Life and Work" (London 1940) schrieb, längst seine bolschewistische Schlangenhaut abgeworfen hatte. Nettl evoziert das Umfeld der drei Jahre dauernden, sich noch ein Jahrzehnt hinziehenden ödipalen Liebe. Der 14 Lenze weniger als Rosa zählende 22jährige wurde unfreiwilliger Zeuge des jähen Zusammenbruchs von Rosas enger Partnerschaft mit Leo Jogiches. Hauptschuld trug dessen Unaufrichtigkeit. "Wie so oft, verwandelte ihr eigenes Unglück Zuneigung in Leidenschaft" (Nettl).

          Befremdlich in der Lebensbeschreibung einer Vollblutliteratin von Weltrang sind diese Kommentare zur Literatur: "Wie intensiv sie Land und Leute studierte, offenbart Rosa Luxemburgs Brief an Luise Kautsky vom 14. Mai (09) aus Genua. Da er literarische Qualität besitzt, sei er hier in großen Teilen zitiert." Es folgt eine hübsche Reisehumoreske. Da kompensieren Späße, daß die Schreiberin Kostja "entließ", um ihn nicht zu erdrücken. Gehaltvollere, von Laschitza nicht benotete Zeilen gehen am 17. d. M., weitere 75 vom nahen Levanto etwa ab 25. Mai an Hans Kautsky. Ungeachtet der Apostrophierung von "Karl" (Kautsky) weiß das Personenregister hierzu nichts von beiden Brüdern. "Auch das Gackern eines Huhns gefiel Rosa Luxemburg als Begleitung ihrer Denkprozesse." Der Schluß des Ödipus-Dramas kam zwischen Mitte August und Anfang September '09, als der "arme Junge", der sich für gefangen hielt, während Rosa sich als seine Gefangene empfand, "falsche Briefe" schrieb (ebd., S. 320).

          Das Verlagslektorat unterließ, wenigstens den Namen der Warschauer Revolutionszeitung, den hebräischen Begriff für aufgeklärte jüdische Polen, lateinische, italienische, französische, englische Brocken oder Sätze zu verdeutschen. Gehörte hinter "Ritter ,Georg'" nicht v. Vollmar, zu "Welt am Montag" v. Gerlach, bei Webb, daß es deren zwei gab? Unnötige und polemische Ausdrücke, unzählige Wiederholungen waren zu streichen. Ins Literaturverzeichnis gehört nicht allein Nettls "vom Autor gekürzte Volksausgabe", sondern auch die 930seitige, '68/'69er Übertragung des englischen Originals von '66.

          Laschitza hielt '69 einem westlichen Luxemburg-Taschenbuch auf 6 Oktavseiten der "Marxistischen Blätter" u. a. vor, es fördere, bewußt oder unbewußt, die "antikommunistische Konvergenztheorie" zwischen den beiden Weltsystemen. 1971 verdammte sie in dem mit Günter Radczun in Frankfurt a. M. veröffentlichten Luxemburg-Porträt die Arbeiten bürgerlicher Historiker als konspirative Aktionen. Heute konstatiert sie resolut, "daß das mit großen Verheißungen proklamierte sozialistische Weltsystem beim Übergang ins neue Jahrtausend nicht mehr existiert" (ebd., S. 579), widerlegt sie, mit einer Ausnahme, Lenin, tadelt ihre Heldin eher zuviel, lobt sie - etwa für eingetroffene Prophezeiungen - ungenügend. Ab und zu sind nicht genügend durchdachte Sätze von einem Werk ins andere gerutscht. Doch schon die über 100 Leitsätze sichern dieser Luxemburg-Chrestomathie ihre Leserschaft.

          HELMUT HIRSCH

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