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Rezension: Sachbuch : Oberflächliche Gesten

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JUDENVERFOLGUNG. Cecilie Landau wird am 1. Februar 1925 in Hamburg geboren. Ihr Vater Benjamin ist Weinhändler in der Hansestadt. Nationalsozialisten werfen 1941 seine in einer Zigarrenkiste verwahrte Asche auf den Küchentisch der Familie - er ist in Dachau ermordet worden. Cecilie wird durch Ghettos, Konzentrationslager geschleift; ihre Mutter, ihre jüngere Schwester werden ermordet.

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          JUDENVERFOLGUNG. Cecilie Landau wird am 1. Februar 1925 in Hamburg geboren. Ihr Vater Benjamin ist Weinhändler in der Hansestadt. Nationalsozialisten werfen 1941 seine in einer Zigarrenkiste verwahrte Asche auf den Küchentisch der Familie - er ist in Dachau ermordet worden. Cecilie wird durch Ghettos, Konzentrationslager geschleift; ihre Mutter, ihre jüngere Schwester werden ermordet. Cecilie überlebt das KZ Neuengamme, wird im KZ Bergen-Belsen von Briten befreit. Sie hilft ihnen, untergetauchte Nazis aufzuspüren - und kehrt Deutschland den Rücken, zieht in die Vereinigten Staaten, heiratet Dan Eichengreen. Sie beschreibt die Grauen, die Angst der Juden unter dem Odem todversprühender deutscher Herrenmenschen. Solche Erfahrungen haben vor ihr auch andere schon zu Papier gebracht. Frau Eichengreen besaß, im Gegensatz zu manchem ihrer Leidensgenossen, allerdings den Mut, nach vielen Jahrzehnten nach Hamburg zurückzukehren. Ihre Eindrücke waren niederschmetternd: "Die neue Synagoge stand in einer völlig anderen Umgebung, in der Straße Hohe Weide, umgeben von einem hohen Metallgitterzaun. Es gab eine Klingel und eine Gegensprechanlage am Eingang, so daß es ohne vorhergehende Ankündigung unmöglich war hineinzugelangen. Nach wiederholtem Klingeln, Klopfen und Rütteln an der Eingangspforte kam jemand heraus und war schließlich bereit, uns hereinzulassen, jedoch nicht ohne vorher unsere Ausweise überprüft zu haben . . . Es war schockierend und traurig, erfahren zu müssen, daß die Juden von Hamburg allem Anschein nach selbst heute noch Angst vor antisemitischen Zwischenfällen hatten - und nicht nur vor arabischem Terrorismus, sondern vor jungen deutschen Menschen! Sie fürchteten immer noch, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, wurden immer noch als Außenseiter angesehen und waren immer noch verschmäht . . . Ich war doppelt enttäuscht. Erstens, weil einige Deutsche, junge und alte, immer noch an ihrer alten antisemitischen Häßlichkeit festhielten. Zweitens, die Juden hatten sich den deutschen Gegebenheiten angepaßt." Sie beklagt: "Anstelle von Reue trafen wir auf Schweigen. Anstelle von Erinnerung und aufrichtiger Achtung oberflächliche Gesten. Anstelle von Toleranz fanden wir verhüllte Mißachtung." (Lucille Eichengreen: Von Asche zum Leben. Erinnerungen. Donat Verlag, Bremen 2001. 238 Seiten, 15,24 Euro.)

          rw.

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