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Rezension: Sachbuch : Nur an Hitler angenähert

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Gabriele Schneider: Mussolini in Afrika. Die faschistische Rassenpolitik in den italienischen Kolonien 1936-1941. SH-Verlag, Köln 2000. 315 Seiten, 39,80 Euro.Das faschistische Italien war nicht erst seit 1936 in Afrika präsent. Denn seit 1885 besaß Italien Eritrea und Somalia, seit 1912 Libyen. Und Mussolini regierte seit 1922 - lange ohne tiefere Eingriffe in die Kolonien.

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          Gabriele Schneider: Mussolini in Afrika. Die faschistische Rassenpolitik in den italienischen Kolonien 1936-1941. SH-Verlag, Köln 2000. 315 Seiten, 39,80 Euro.

          Das faschistische Italien war nicht erst seit 1936 in Afrika präsent. Denn seit 1885 besaß Italien Eritrea und Somalia, seit 1912 Libyen. Und Mussolini regierte seit 1922 - lange ohne tiefere Eingriffe in die Kolonien. Aber 1935/36 wurde das große, altertümlich gebliebene Kaiserreich Äthiopien erobert und mit Eritrea und Somalia zu Italienisch-Ostafrika zusammengefaßt. Vizekönig wurde zunächst der repressiv agierende Marschall Graziani, dann 1937 Herzog Amedeo von Savoyen-Aosta, der für Befriedung und Modernisierung des Landes wirkte. Gouverneur Libyens war seit 1933 Mussolinis alter Kampfgefährte Italo Balbo. Er widersetzte sich der antijüdischen Wende des Regimes im Jahre 1938 und milderte sie in Libyen.

          Gabriele Schneider unternimmt den Versuch, die seit 1936 zunehmend auch rassistische Kolonialpolitik Italiens herauszuarbeiten und sie mit den antisemitischen Dekreten von 1938 zu verknüpfen. So soll das faschistische Italien in direkte ideologische Nähe zu NS-Deutschland gerückt und darüber der allgemeine Faschismusbegriff wieder aufgewertet werden. Ihr Buch richtet sich explizit gegen Forscher, die den Faschismusbegriff gerade deshalb verworfen hatten, weil sie den für Hitler zentralen Rassismus bei Mussolini nicht konstatiert hatten: gegen Karl Dietrich Bracher, Andreas Hillgruber (gestorben 1989) und gegen den Mussolini-Biographen Renzo De Felice (gestorben 1996). De Felice hatte darauf bestanden, daß Mussolinis Antisemitismus mehr opportunistischer Natur und "nur" national-kulturell motiviert war und deshalb nie den Radikalismus der Deutschen annehmen konnte. Der De Felice eng verbundene deutsch-jüdisch-amerikanische Rassismusforscher George L. Mosse urteilte ebenso.

          Schneiders Buch ist in angenehmer Diktion geschrieben und klar gegliedert; der erste Teil behandelt den Rassismus und dessen Rezeption in Italien, der zweite die Politik Roms in den Kolonien. Die Fakten sind gut recherchiert, im zweiten Teil großenteils anhand der Akten des früheren italienischen Kolonialministeriums. Daß die Rezeption des Rassismus in Italien nur langsam und in begrenzten Sektoren erfolgte, wird ähnlich wie bei De Felice auf die starken Gegenpositionen der katholischen Kirche und des Liberalismus, hier besonders des Neo-Idealismus, zurückgeführt. Auch Mussolini wollte bis zur Mitte der dreißiger Jahre vom Rassismus nichts wissen. Er war vielmehr der Überzeugung, daß alle Völker des römischen Reiches nun wieder zusammengehörten; er verblieb in der Tradition des früheren Nationalismus.

          Seit der Schaffung des Impero dachte Mussolini an die Schaffung eines neuen faschistischen Menschentyps, jedoch mehr durch Erziehung als durch biologische Auswahl. Nun erst ließ er diejenigen in seiner Partei agieren, welche wie Roberto Farinacci und Giovanni Preziosi einen radikalen Antisemitismus propagierten. Noch 1932 hatte der Duce einen Juden zum Finanzminister ernennen lassen, sechs Jahre später, im Zuge seiner Annäherung an Hitler, setzte er Rassendekrete durch, die Italiens Juden ins Ghetto zurückdrängten. Dazwischen lag der Bruch zwischen Faschismus und Zionismus, der stärker mitzubedenken wäre. Dies alles ist freilich längst bekannt, man kann es im dritten Band von De Felices Mussolini-Biographie genauer nachlesen.

          Origineller ist der zweite Teil. Ähnlich wie die englische hat die italienische Kolonialpolitik Einheimische an der Verwaltung beteiligt. Recht großzügig war sie in Libyen, dessen Einwohner 1919 ein abgestuftes italienisches Staatsbürgerrecht erhielten; es wurde 1939 eingeschränkt, aber nicht abgeschafft. Der Faschismus intensivierte im Rahmen seiner Bevölkerungspolitik die Ansiedlung von Italienern, welche dann für Äthiopien in großem Umfang geplant wurde. Auch deshalb setzte Rom seit 1936 auf Segregation von Italienern und Afrikanern, das wirksamste Mittel dazu war der Bau getrennter Wohnviertel.

          1937 wurden Konkubinate für den italienischen Partner mit Strafe bedroht, ein Gesetz von 1939 suchte die Trennung auf alle sozialen und wirtschaftlichen Bereiche auszudehnen, zugleich wurde eine Kampagne gegen "Mischlinge" geführt. Dies alles sollte das Ansehen der italienischen "Rasse" sichern. War diese vorher stets nur kulturell verstanden worden, so wurden nun rassistische Kriterien im engeren Sinne angewandt. Doch mit deren kritischer Aufarbeitung erfaßt man nicht die ganze und komplexe Realität. Zu ihr gehörte zum Beispiel, daß jedem der 600 Bezirke (Residenzen), in welche Äthiopien eingeteilt wurde, ein Arzt mit Hilfspersonal beigeordnet wurde, der erstmals auch die Einheimischen mit moderner Medizin zu versorgen hatte.

          Wie überhaupt beim Vergleich von Faschismus und Nationalsozialismus sollte man das Ende und die Konsequenzen stärker mit bedenken. Als die Briten 1941 Ostafrika zurückeroberten, behandelten sie dessen Vizekönig und dessen Truppen ehrenvoll; der zurückkehrende Kaiser Haile Selassi lud die Italiener, die ihm gegenüber loyal sein wollten, zum Verbleib im Lande ein. 1950 erhielt Italien von den Vereinten Nationen Somalia als Treuhandgebiet zurück und verwaltete es gut während eines Jahrzehnts. Das alles sieht nicht nach vorheriger rassischer Unterdrückung aus. Und im Mutterland Italien verblieb diese immerhin in den 1938 gesetzten "Grenzen". An Leib und Leben wurden Italiens Juden - wie in einem Exkurs von Gabriele Schneider zu lesen ist - erst bedroht, als nach Mussolinis Sturz und Badoglios Kapitulation im Herbst 1943 die Deutschen kamen.

          RUDOLF LILL

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