https://www.faz.net/-gqz-39f0

Rezension: Sachbuch : Niedlicher Doktor

  • Aktualisiert am

VOLKSPOLIZEI. Willi Hellmann beginnt seine Memoiren mit seinem zweiten Leben: dem als Rentner nach der Wende. Einen Generalleutnant der Volkspolizei hat "der Westen" nicht übernehmen wollen. Wenn man die vielen pauschalen Vorurteile gegen den Westen betrachtet, die Klischees, Diffamierungen "des Kapitalismus" ...

          VOLKSPOLIZEI. Willi Hellmann beginnt seine Memoiren mit seinem zweiten Leben: dem als Rentner nach der Wende. Einen Generalleutnant der Volkspolizei hat "der Westen" nicht übernehmen wollen. Wenn man die vielen pauschalen Vorurteile gegen den Westen betrachtet, die Klischees, Diffamierungen "des Kapitalismus" und die Verharmlosungen der DDR, die der Autor zusammengetragen hat, dann hat "der Westen" wohl gut daran getan. Hellmann beginnt erst dann die Darstellung seines Lebenslaufes - von den Großeltern über den gewerkschaftlich organisierten Vater zur Lehre als Schiffahrtskaufmann. Von dort führt ihn der Weg zur Polizei in der Sowjetischen Besatzungszone, später in der DDR. Hellmann ist immer ein ehrbarer Polizist gewesen, es ging ihm um Recht und Gesetz, und Ideologie hat ihn nie so recht interessiert - sagt er. Mörder hat er gefangen, erst selbst, dann in leitenden Funktionen in der Kriminalpolizei. Sein erstes Leben war ein ganz normal-bürgerliches: Niedliche Fotos seiner heranwachsenden Familie ergänzen den Text, dokumentieren Normalität. Das Ziel seines Buches ist es insgesamt, die zweite Diktatur auf deutschem Boden letztlich als ganz normalen Rechtsstaat wie andere auch erscheinen zu lassen - immerhin hatte sie ja sogar eine Strafprozeßordnung, worauf Hellmann großen Wert legt. Kein Wort vom Unterdrückungsstaat, kein Wort von Spitzeln und IM - das alles interessiert nicht. Dafür erfahren wir von dem holländischen Zwangsarbeiter, der Hellmanns Schwester schwanger zurückläßt: So sind sie halt im Westen. Ob die sowjetischen Truppen in der DDR ähnliche Probleme verursacht haben, fragt sich der Leser dieses Bandes vergebens. Willi Hellmann war nach eigenem Bekenntnis kein brillanter Polizist. Er hat halt immer das getan, was man von ihm erwartete, und das reichte aus, ihn mit seiner im Fernstudium erworbenen Promotion an die Spitze der Hochschule der Volkspolizei zu stellen. Es reicht aber nicht aus, ein spannendes oder auch nur interessantes Buch zu schreiben. Vielmehr ermüden die endlosen Aufzählungen verdienter Volkspolizisten, zuverlässiger Sekretärinnen und pfiffiger Detektive, die sich hier aneinanderreihen, ohne daß so recht irgend etwas passiert - außer dem planmäßigen Aufstieg des Autors. Ein läppisches Buch. (Willi Hellmann: Mein erstes Leben. Ein General der VP erinnert sich. Edition ost im Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2001. 218 Seiten, 12,90 Euro.)

          WINFRIED HEINEMANN

          Weitere Themen

          Im Himmel über Berlin

          Lewitscharoffs Roman „Von oben“ : Im Himmel über Berlin

          In ihrem neuen Roman „Von oben“ erteilt Sibylle Lewitscharoff einem dampfplaudernden Geist das Wort. Dieser schwebt über Berlin, während er sich über Gott und die Welt auslässt – alles nur, um erlöst zu werden?

          Topmeldungen

          Braunkohlekraftwerk Jänschwalde hinter dem ehemaligen Braunkohletagebau Cottbus-Nord

          Details des Klimapakets : Wer hat’s erfunden?

          Kommenden Freitag soll das Klimapaket beschlossen werden. Um die entscheidenden Details wird bis zuletzt gerungen: Offen ist vor allem die Frage, wie viel die Tonne CO2 kosten soll.
          Der frühere türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu trat am Freitag mit fünf anderen Politikern aus der AKP aus.

          Austritte aus der AKP : Rebellion gegen Erdogan

          Einige prominente Politiker sind aus der türkischen Regierungspartei AKP ausgetreten, um ihre eigenen Bewegungen zu gründen. Für den türkischen Präsidenten Erdogan könnte es eng werden.
          Schild vor dem Trump Hotel in Washington, 21. Dezember 2016

          Klage von Hoteliers : Hat Donald Trump die Verfassung gebrochen?

          Trump schädige ihr Geschäft, indem er Diplomaten nötige, in seinen Hotels abzusteigen, monieren Gaststättenbetreiber. Damit haben sie vor einem New Yorker Gericht einen Etappensieg errungen. Nun könnte der Surpreme Court den Fall an sich ziehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.