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Rezension: Sachbuch : Nie wieder normal

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Das deutsche Wesen: Ein polemischer Krankheitsbefund über die Berliner Republik

          Johannes Klotz/Gerd Wiegel (Herausgeber): Geistige Brandstiftung. Die neue Sprache der Berliner Republik. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2001. 208 Seiten, 16,90 Mark.

          Das Titelbild zeigt Zeitungsblätter in einem lodernden Feuer. Zwischen den Flammen sind die "Berliner Zeitung", die F.A.Z. und "Der Spiegel" deutlich zu erkennen. Sie haben sich der "geistigen Brandstiftung" schuldig gemacht, suggeriert der Titel. Hinter dem brennenden Inferno des Buchdeckels sind die glühenden Verschwörungsphantasien von fünf Autoren versammelt, die sich um den Nachweis mühen, daß Gerhard Schröder, Rudolf Augstein, Frank Schirrmacher, Martin Walser und viele andere einflußreiche Männer offen oder versteckt an einer Geschichtsrevision und der Wiedererweckung des nationalen Selbstbewußtseins der Deutschen arbeiten.

          Vier der sechs Beiträge befassen sich mit Martin Walser. Eine "Spurensuche" im Stil linker Germanistikseminare fördert aus Walsers Werken "Antisemitismus zwischen den Zeilen" und eine "aggressive Rückwärtsgewandtheit" zutage. Frank Schirrmacher wird beschuldigt, Walsers "rechte Lesart" interpretierend voranzutreiben und ihren "doch sehr eindeutigen Gehalt" so zu modifizieren, "daß er annehmbarer und konsensstiftender wird". Während "der antijüdische Reflex" Walsers in seiner literarischen Sprache versteckt ist, "operiert" Rudolf Augstein nach Auffassung der Textexegeten schon lange mit dem relativierenden Begriff des "gewissen Antisemitismus" und kaschiert "seine antisemitischen Ressentiments nicht". Er bediene sich zur Erklärung des Antisemitismus "gleich eines ganzen Bündels antisemitischer Stereotype" und ende im Kern bei Treitschkes "Die Juden sind unser Unglück". Schlimmer aber noch schlägt für Augstein als Geistesbrandstifter zu Buche, daß er den eigenen Vater, trotz dessen Ressentiments gegen Juden, für einen anständigen Menschen hält.

          Die rot-grüne Bundesregierung beanspruche - "anknüpfend an neokonservative Selbstverständnisse" - das "Selbstbewußtsein einer erwachsen gewordenen Nation". Die politische Klasse wünsche sich, "daß die Gestaltung der Gegenwart und vor allem die Zukunft der Berliner Republik nicht mehr durch die NS-Vergangenheit behindert werden solle". Gerhard Schröder wird als einer der Mitverantwortlichen des "unverkrampften Ablaßkaufs für ehemalige Zwangsarbeiter" beschimpft, wobei er "nicht nur die spezielle Vergangenheitsbewältigung der Deutschen auf die Spitze" getrieben habe: "Er setzte vielmehr die Schlußstrich-Argumentation intellektueller Vorredner wie Martin Walser und Rudolf Augstein in aktuelle Politik um." Der Kanzler vertrete "den staatsoffiziellen Geschichtsrevisionismus, der die deutsche Schuld für Faschismus, Krieg und Verbrechen relativiert".

          Die eigentliche Überraschung des Buches ist die historische Einordnung der alten Bundesrepublik und der DDR. Bis zur Wiedervereinigung war demnach alles im Lot. Keiner von beiden Staaten konnte machen, was er wollte. "Die alte Bundesrepublik war gebunden an und begrenzt durch die NS-Vergangenheit." Erst mit der Wiedervereinigung bot sich die Möglichkeit zum Ausstieg aus der Geschichte. Nun zwitscherten die Jungen nicht mehr, wie die Alten sungen. Mit einem Mal sollte "Schluß sein mit Antifaschismus und dem Antimilitarismus als historische und handlungsleitende Kategorien, die vor allem in Ostdeutschland noch über eine spezifische Tradition verfügen".

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