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Rezension: Sachbuch : Nie auf die Partei gesetzt

  • Aktualisiert am

Ein für die SED Frankfurt/Oder unersetzlicher Ingenieur berichtet

          Wolfgang Wüstefeld: Manchmal schlimm, immer schön. Lebensbericht eines Brückenbauers. Verlag Die Furt, Jacobsdorf 2000. 420 Seiten, 24,80 Mark.

          Mitte der fünfziger Jahre baut der Ingenieur Wolfgang Wüstefeld in Fürstenwalde, einer Stadt zwischen Berlin und Frankfurt (Oder), die Schleusenbrücke. Die Baustelle liegt mitten in der Stadt. Die Fürstenwalder warten auf diese Straßenverbindung, die seit dem Krieg zerstört ist. Die Brücke ist kompliziert zu bauen wegen der großen Öffnung für die Schiffe. Die Konstruktion ist für alle Bauleute neu. Der Stahl für diese Brücke wurde rechtzeitig bestellt, dort, wo die DDR bestellen darf: in der Sowjetunion. Der Stahl kommt mit erheblicher Verspätung. Er ist unbrauchbar. Auch eine zweite Stahllieferung ist für die Brücke unbrauchbar.

          Ein stellvertretender Minister kommt aus Berlin, um nachzuschauen, was in Fürstenwalde los ist. Kaum angekommen, so erzählt Wüstefeld, sagt der Minister, er wolle "erst einmal den Ingenieur kennenlernen, der behauptet hat, daß Stahl aus der Sowjetunion nicht zu gebrauchen ist". Wüstefeld tritt vor und sagt: "Wissen Sie, Herr Minister, Sie lesen dem Stahl ein Kapitel aus Marx oder Engels vor. Vielleicht ist er dann wieder zu gebrauchen." Das ist frech und muß Folgen haben. Wüstefeld schreibt nur, es habe "einen Kladderadatsch" gegeben. In seinem Leben gibt es oft Kladderadatsch.

          In Frankfurt (Oder) in einer katholischen Familie aufgewachsen, wird er zum Feind der Nationalsozialisten. Der Hitlerjugend tritt er nicht bei. Das "HJ-Gericht" verfügt, Wüstefeld habe das Gymnasium zu verlassen. Er lernt Maurer und schlägt die Ingenieur-Laufbahn ein. 1942 wird er eingezogen. Den Krieg erlebt er an der Ostfront, gerät am Ende des Krieges jedoch in amerikanische Gefangenschaft. Er kommt bald frei und - kehrt zurück nach Frankfurt (Oder). Den neuen Machthabern dort ist der Katholik abermals ein Feind. Aber der Ingenieur Wüstefeld wird beim Wiederaufbau gebraucht. Er ist viel zu jung für die Verantwortung, die ihm aufgeladen wird. Aber das rettet ihn. Er wird nicht von den Russen abgeholt und später nicht von der Staatssicherheit.

          Jahrelang werden Wüstefeld und seine Familie schikaniert. Sein ältester Sohn verweigert in den siebziger Jahren den Militärdienst, zwei Jahre lang muß er dafür ins Militärgefängnis. Nach seiner Verurteilung darf er nicht einmal mehr seiner Frau die Hand geben. Der Richter: "Solch einem Verbrecher gebe ich keine Vergünstigungen." Wüstefelds Kinder dürfen nicht die höheren Schulen besuchen.

          Wüstefeld gibt jedoch nicht auf. Einmal - er baut eine Brücke in seiner Heimatstadt - soll es eine Krisensitzung geben wegen der für die DDR-Verhältnisse typischen Schwierigkeiten auf dem Bau. Als Wüstefeld pünktlich in das Rathaus kommt, ist die Sitzung bereits im Gange. Er solle draußen warten, wird ihm beschieden. Nach fünfzehn Minuten geht er ungefragt in den Raum.

          Nicht einmal ein Stuhl steht für ihn bereit. "Offenbar wurde ich als Angeklagter behandelt." Es gibt Wortgefechte, Wüstefeld läßt sich nicht einschüchtern trotz der geballten Funktionärsmacht vor ihm. "Machen Sie sich ihren Dreck alleine", sagt er schließlich und geht. Ein Mann läuft ihm hinterher. Er solle zurückkommen. "Wer sind Sie überhaupt?" fragt Wüstefeld. "Ich bin der 1. Sekretär der Kreisleitung (der SED). Sie kennen mich nicht?"

          In den Jahrzehnten seiner Arbeit im DDR-Bezirk Frankfurt (Oder), vor allem in der Bezirkshauptstadt selbst lernt Wüstefeld manchen Funktionär kennen. Sie sind ihm Partner, wenn sie ihm helfen. Er kann sie hassen, wenn sie ihre Ideologie über den Rat des Mannes aus der Praxis stellen. Eine Funktionärin mit Doktortitel fragt ihn: "Sie gelten im Bezirk als ein kluger Mann. Ich habe gehört, daß Sie noch an den lieben Gott glauben. Wenn das stimmt, müssen Sie doch sehr dumm sein." Wüstefeld entgegnet: "Sie glauben an Ihr Wissen. Ich weiß um meinen Glauben." Der Ingenieur ist unersetzlich, die Verfolgungen hören auf.

          Es ist, mit heutigem Blick, erheiternd, in Wüstefelds Lebenserinnerungen nachzulesen, wie er bei seinen Bauvorhaben der Planwirtschaft und damit dem ewigen Mangel immer wieder ein Schnippchen schlägt. 1988 geht er in Rente.

          Verabschiedet wird er sogar vom Ersten Sekretär der SED-Bezirksleitung. Der will wissen, wie es dem Ingenieur gelungen ist, so schnell zu bauen. "Ich habe immer zuerst meinen unverbildeten Menschenverstand eingesetzt. Danach mein Fachwissen. Wenn es möglich war, habe ich dann auch die Gesetze und die oft übertriebenen, ja falschen Bestimmungen der Planwirtschaft beachtet und angewandt. Sah ich noch Möglichkeiten, habe ich auch die Wünsche und Anregungen Ihrer Partei erfüllt oder aufgenommen." Der Bezirkssekretär ist beeindruckt, die DDR so gut wie am Ende.

          Krankheiten haben Wüstefeld bitter gemacht, der DDR-Untergang kommt für sein Leben zu spät. Aber ohne diesen Untergang würde es seine Lebenserinnerungen nicht geben. Sie sind ein fesselndes Zeitzeugnis. Über manche Unebenheiten im Text, manche Selbstgefälligkeit des Autors, manchen zu privaten Absatz liest man hinweg, nur um zu erfahren, wie es mit Wüstefeld weitergeht. Ein Leben, an dessen Ende ein solches Buch steht, ist ein erfülltes Leben.

          FRANK PERGANDE

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